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Intereſſen iſt faktiſch bankerott geworden“(Bd. 1, S. 59.);„das Aggregat der divergierendſten Per⸗ ſönlichkeiten und Intereſſen conſtituierte ſich jetzt zu einer Kammer, in der die Legitimität und Stabilität gegen die Impulſe der ſocialen und politiſchen Reformation Front machte und mit allen Prärogativen eines dynaſtiſchen Centrums die Initiative ergriff“(Bd. 2, S. 334). Damit ver⸗ glichen erſcheint es ja wie reines Deutſch, wenn ich in einer Zeitung, die ſonſt im Gebrauch von Fremdwörtern ſehr maßvoll iſt(die Tägl. Rundſchau, hersg. v. Bodenſtedt), Sätze leſe, wie die folgenden.„Spannende, romanhafte Geſchichten, etwas Klatſch, das goutirt das Londoner Publi⸗ kum, trotz des Schaumäntelchens ſteifer Reſerve, in das es ſich ſo gern drapirte, am meiſten.“ „Er gilt ihnen mehr als der Farceur und Fanfaron des Bonapartismus, denn als Staatsmann und Prätendent, und längſt haben ſich alle Capacitäten des letzteren von ihm abgewendet, weil ſie wiſſen, daß er nur die Karikatur des Kaiſerreichs der Zukunft darſtellt.“„Er hat denn auch in taktvoller Feinfühligkeit beſchloſſen, die Veranſtalter der Demonſtration zu desavouiren, um damit zu zeigen, daß er ſich nicht zu ihrer Marionette machen will.“ Taktvolle Feinfühligkeit? Takt heißt ja Feingefühl! Was heißt alſo taktvolle Feinfühligkeit? Doch von ſolchen Blüten ſpäter mehr.„Welches alſo die primäre Todesurſache geweſen, non liquet; und ſo leidet das Endkapitel dieſes kleinen Romans an einer Lakune.“—„Die Affaire Thibaudin bildet die pièce de résistance des Tagesmenu.“— In einer an das große Publikum gerichteten Erklärung ſagte vor kurzem ein wohlbekannter und geſchätzter Schriftſteller:„Herr H. hat ſich mir gegenüber gut und ſchön in den Mantel intellektueller und ſittlicher Ueberlegenheit drapiren: im vorliegenden Falle iſt mit dergleichen Poſen abſolut nichts ausgerichtet.... In keinem Falle werden wir Schriftſteller und Publiziſten erſt bei einem unmotivirten intellektuellen Suprematsdünkel der H.'ſchen Notwehr uns die Erlaubnis erbitten.“ Ein Theaterkritiker beſpricht in der genannten Tägl. Rundſchau das neueſte Stück(Probepfeil) und bietet hierbei durchſchnittlich in zwei Zeilen ein Fremdwort, iſt alſo in dieſer Beziehung ziemlich maßvoll, und dennoch, wie viele ſind derer, die nicht in Verlegenheit kommen, wenn ſie auf Wörter ſtoßen wie etwa folgende: eine roman⸗ tiſches Faible, Sympathie(= Zuneigung), Organismus, fascinirender Bann, geiſtreiche Pikanterie, eine jener grandes dames, mit feinem Sarkasmus, Intriguenkunſt, raffinirte Ränke, Minenkrieg, Aktion, der elegante Witz der Pointen, die geiſtreiche Facettirung(bei Heyſe noch nicht zu finden!) der Gedanken, Individualiſirung durch prägnante Charakterzüge, widerſtreitende Intentionen, und In⸗ tereſſen, amüſanter Wettkampf, Peripetie, Problem, affertirt⸗ſüßlich, manierirt, Autor, Coup, Moti⸗ virung, Reſignation, Liaiſon, chargirt, pointirt..? Iſt es nicht, als wenn der Verfaſſer(Autor!) ſich einbildete lauter Leſer zu haben, die auf Hochſchulen gebildet ſind? Ich bin überzeugt, eine ſo mit Fremdwörtern geſpickte öffentliche Beſprechung verfehlt bei den meiſten Zeitungsleſern eben dadurch ihren eigentlichen Zweck, nämlich den, ihr Urteil und ihren Geſchmack zu bilden. So mag der Profeſſor auf dem Lehrſtuhl— wenn er will— zu ſeiner mit Gymnaſialbildung aus⸗ geſtatteten Zuhörerſchaft reden; einer, der durch die Zeitung das Publikum bilden will, darf es nicht.
Dieſe wenigen Beiſpiele, die ich mit Abſicht nur der Zeitung entnommen habe, weil ja gerade dieſe für größere Kreiſe beſtimmt iſt und ſich möglichſt viele Abnehmer wünſcht, ſind wie geſagt


