Aufsatz 
Bemerkungen über den fremdsprachlichen Unterricht im Realgymnasium / von Kortegarn
Entstehung
Einzelbild herunterladen

39

zur lebensvolleren Geſtaltung dieſes Lehrgebietes: es muß für heute abgebrochen werden. Nur eines fügen wir noch hinzu und kehren damit zum Ausgangspunkt unſerer Erörterungen zurück. Die oben geſchilderten Veränderungen in der Lehrmethode haben es allerdings nicht allein, aber doch auch zu einem weſentlichen Teile mit bewirkt, daß die Gefahren einer Überbürdung mit Arbeitsſtoff von unſeren Schülern gänzlich fern gehalten worden ſind. Vor zwei Jahren noch war auch in der Wöhlerſchule dieſes Kapitel Gegenſtand faſt täglicher Verhandlung; manches mag davon übertrieben, anderes aus den Verhältniſſen der Großſtadt zu erklären geweſen ſein; etwas war gewiß dabei nicht unberechtigt. Noch am 14. Oktober 1880 mußte bei Gelegenheit ſeines Vorſchlages, die Stundenzahl in der Sexta zu reduzieren, Verfaſſer in einem Berichte an das Kgl. Provinzial⸗Schulkollegium ſich alſo auslaſſen:Es hat mich ganz eigentümlich bei meinem von Tag zu Tag fortgeſetzten Hoſpitieren berührt, in den Klaſſen blaſſe Geſichter und eine Mattig⸗ keit zu ſehen, wie ich ſie an dem Orte meiner früheren Thätigkeit nicht gewohnt war. Oft habe ich von Eltern, mit denen ich amtlich zu verhandeln hatte, gehört: mein Sohn iſt nervös. Ich habe der Sache möglichſt nachgeſpürt, habe Knaben verſchiedener Klaſſen in ihren Wohnungen aufgeſucht und beim Arbeiten beobachtet, und kann mich der Überzeugung nicht verſchließen, daß der Keim zu dieſer Muttigkeit in der Sexta gelegt wird. Heute kann er konſtatieren, daß die Klagen über Überbürdung, Nervoſität ꝛc. verſchwunden ſind, und er glaubt nicht fehl zu gehen, wenn er auch annimmt, daß die Wöhlerſchüler, wie friſcher und lebendiger auf dem Spielplatz, ſo auch fröhlicher und lerneifriger in der Klaſſe ſind. Wenn in irgend einer Unterrichtspartie, ſo iſt es bei den fremden Sprachen, daß eine vernünftige Beſchränkung des Memorierſtoffes und zweckmäßige Verteilung der ſchriftlichen Arbeiten den Schülern der einzelnen Klaſſenſtufen Er⸗ leichterung verſchaffen kann, ohne daß die Reſultate des Unterrichtes dadurch alteriert zu werden brauchten. Aber eine ſolche Beſchränkung der häuslichen Arbeit iſt nur dann ohne Gefährdung der wiſſenſchaftlichen Tüchtigkeit der Schüler durchführbar, wenn dieſe in der Schule ſelbſt mit Aufbietung aller ihrer geiſtigen Kraft dem Unterrichte folgen und wenn das Elternhaus die häusliche Arbeit der Jugend mit Gewiſſenhaftigkeit überwacht. Hier können Familie und Schule nicht innig genug zuſammen gehen. Seit zwei Jahren hat ſich der zu Anfang eines jeden Se⸗ meſters für unſere Schüler feſtgeſetzte Arbeitsplan bewährt; er beſtimmt im Durchſchnitt für Sexta und Quinta 1 ½, für Quarta und Tertia 2, für Sekunda 2 ½, für Prima höchſtens 3 Stun⸗ den tägliche häusliche Arbeit; ſo oft ſich nur eine Gelegenheit dazu bot, ſind die Eltern gebeten worden, ſich mit dem Klaſſenlehrer oder dem Direktor in Verbindung zu ſetzen, falls dieſe Zeiten häufig oder gar regelmäßig überſchritten werden müßten; wir ſchließen mit der Bitte, daß dies auch fernerhin geſchehen möge, und mit der Zuſicherung, daß, wie es bisher bereits die Praxis geweſen, auch künftighin jede ſachlich gehaltene Mitteilung über etwa vorkommende Überlaſtung der Schüler ſorgſame Erwägung und erforderlichen Falles Remedur finden wird.