Aufsatz 
Voss' Luise und die Entwicklung der deutschen Idylle bis auf Heinrich Seidel
Entstehung
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Indes mag die spätere Entwicklung diese oder jene Bahnen einschlagen, das Wesen der Idylle wird kaum mehr eine durchgreifende Anderung erfahren. Nach wie vor wird es bei den Worten W. von Humboldts ¹) sein Bewenden haben, deren Richtigkeit sich in ausschlaggebenden Zügen bereits in der Zeit nach Humboldt bis jetzt bewährt hat und die darum dem Ausblick in die Zukunft unbedenklich zu Grunde gelegt werden mögen:Alles, was nur durch ge- waltsame Unternehmungen zustande kommt, sowie alles. was aus dem gewöhnlichen Kreise der Existenz und des Lebens hinausgeht, Krieg und Blutvergiefsen, jede heftige Leidenschaft, die unruhige Tätigkeit der Wiſsbegierde, ja der ganze Forschungsgeist überhaupt, welcher der Kennt- nis der Gegenstände manchmal ihr Dasein aufzuopfern bereit ist, ist der Idyllenstimmung zuwider. Wie sollte der Mensch, dessen ganzes Wesen in der reinsten Harmonie mit sich selbst, seinen Brüdern und der Natur besteht, auch nur des Gedankens an eigenmächtige Zerstörung fähig sein? wie sollte er, der alles, wessen er bedarf, in der Nähe um sich herum findet, unruhig in eine weite Ferne schweifen? was konnte er endlich noch bedürfen, auſser dem ruhigen Dasein, dem Genufs und der Freude am Leben und dem stillen Bewuſstsein eines schuldlosen und unbefleckten Ge- wissens, aufser dem Glück überhaupt, welches die Natur und sein eigenes Gemüt ihm von selbst und freiwillig dar- bieten? Wie die Natur selbst, muſs sein Dasein in ununter- brochener Regelmäſsigkeit hinflieſsen, wie die Jahreszeiten selbst, müssen alle Perioden seines Lebens sich von selbst, die eine aus der anderen, entwickeln, und wie groſs der Reichtum und die Mannigfaltigkeit von Gedanken und Empfindungen sei, die er in diesem einfachen Kreise zu bewahren weilſs, so muſs doch darin die Harmonie das Übergewicht behaupten, die sich nie in einer einzelnen Xuſserung zeigt, sondern deren Gepräge immer nur dem ganzen Leben, dem ganzen Dasein aufgedrückt ist..

¹) Asthetische Versuche über Goethes Hermann und Dorothea. S. 137.