Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—2

Es wird eine Aufgabe von unendlichem Reiz, den unermeßlichen Wirklichkeitsgehalt der Zeit in eigenstes Bildungsgut umzuschaffen. Eipe weit größere Fülle von Lebensstoffen und viel zähere Massen als je sind jetzt in die Form des inneren Menschen einzuschmelzen. Nur eine starke, fest auf sich selbst ruhende Persönlichkeit vermag all diesen Reichtum zu bewältigen; aber durch das raschere und kräftigere Anprallen des Lebensinhalts wird die persönliche Eigen- art zugleich auch entschiedener und vielseitiger bestimmt. Die neu emporgewachsene Generation beginnt die persönliche Bildung wieder auf tiefere Grundlagen zu stellen und in festem philo- sophischem Boden zu verankern, um zugleich, in eigener Synthese aufnehmend und gestaltend, die Erfüllung ihres individuellen Wesens zu finden. In diesem Sinne kann der moderne Mensch die Worte Schleiermachers nachsprechen:„Immer mehr zu werden, was ich bin, das ist mein einziger Wille.“¹ Die alte Bildungsfreudigkeit des deutschen Geistes beginnt wieder eine Macht zu werden, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, werden aus ihren Einwirkungen auch im Schulleben sich Neugestaltungen vollziehen. Unter dem mächtigen Wogenschlag der Zeit fließen, deutlich spürbar, jene idealen Quellen wieder, an denen sich einst unsere große Geistesepoche, die klassische wie die romantische, genährt hat. So ist auch ihr hohes Persön- lichkeitsziel wieder von neuem lebendig, die Aufgabe, Sein und Wirken des Menschen, die Elemente der Welt und des eigenen Wesens wie in einem schöpferischen Akte zur kunst- vollen Einheit zu formen, jene Aufgabe, die einst die Generation der ersten Romantiker in Goethes„Wilhelm Meister“ vorgezeichnet fand:

„Das ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Okonomie, Zweckmäßiigkeit und Festigkeit zu- sammenstellt. Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten läßt, bis wir es außer uns oder an uns, auf eine oder die andere Weise, dargestellt haben.“²

¹ Mon. 104. ²2 Goethe, Wilh. Meister. VI. Buch. Ausg. letzter Hand: Bd. 19. S. 338.