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IV. Zur OChronik des Gymnasiums.
Zu dem vorigen Schuljahre ist noch nachzutragen, dass das Lehrer-Collegium dem früheren Pedell Johann Sommer(vergl. voriges Progr. S. 31) in dankbarer Würdigung seiner langjährigen treuen Dienste am 21. August eine Abschiedsfeier bereitete und ihm einen Ruhesessel mit entsprechender lateinischer Inschrift zum Geschenk machte. Der Pedellendienst wurde vom 1. October bis Ende November durch den Schutzmann Anton Dietrich, vom 1. December ab durch den Gendarmen Peter Kröhl versehen, welchem die Pedellenstelle durch Decret vom 1. April übertragen wurde.
Das zu Ende gehende Schuljahr wurde am 1. October mit der Prüfung der neu eintretenden Schüler eröffnet.
Mit Beginn des Schuljahres wurde die Obertertia, zu Ostern die Untersecunda in eine Herbst- und Oster- Abtheilung geschieden. Zu Anfang des Sommerhalbjahres wurde die neu gegründete Vorschule mit drei Klassen eröffnet. Wegen unserer beschränkten Räumlichkeiten mussten die Vorschulklassen in dem Scharvogel'schen Hause L'lachsmarktstrasse 21 untergebracht werden. 3
Im Lehrercollegium sind folgende Veründerungen zu verzeichnen:
Durch Allerhöchstes Decret vom 28. September wurde der Gymnasiallehrer Prof. Dr. Vogel unter Anerkennung seiner langjährigen treuen und erspriesslichen Dienste auf sein Nachsuchen in den Ruhestand versetzt und ihm zugleich das Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Grossmüthigen verliehen. Seit dem Antritt seines Accesses im Jahre 1837 hat er ohne Unterbrechung an unserer Anstalt, deren Schüler er früher gewesen, als Lehrer gewirkt, in allen Klassen von den untersten bis zu den obersten Unterricht ertheilt und war daher mit dem Organismus und den Traditionen des Mainzer Gymnasiums vertraut wie kein Anderer. Durch die treueste Pflichterfüllung und ächt collegialisches Verhalten hat er sich stets ausgezeichnet. Das Lehrercollegium nahm bei einem am 23. October veranstalteten Abschiedsmahl Veranlassung, seinen Gesinnungen gegen den scheidenden Collegen Ausdruck zu verleihen.
Durch Ministerial-Verfügung vom 30. September wurde dem Gymnasial- und Realschul-Lehramts-Aspiranten Johannes Munk, vorher am Gymnasium zu Saargemünd, die provisorische Verwaltung einer Lehrerstelle über- tragen.
Rabbiner Dr. Fürst, welcher seit Herbst 1873 den israelitischen Religionsunterricht am Gymnasium mit gewissenhafter Treue ertheilte, folgte zu Anfang des Schuljahres einer Berufung als Stiftsrabbiner nach Mann- heim. Durch Ministerial-Verfügung vom 12. October wurde der israelitische Religionsunterricht dem Rabbiner Dr. Sigmund Salfeld übertragen.
Den vorschriftsmüssigen Access begannen Friedrich Obenauer aus Eich am 9. October und Adam Rudershausen aus Gau-Odernheim am 8. März. Der im vorigen Schuljahre eingetretene Accessist Hauff wurde durch Verfügung vom 13. Januar an die erweiterte Volksschule zu Lich berufen.
Durch Verfügung vom 17. Februar wurde dem früheren Vorsteher einer hiesigen Privat-Lehranstalt Chri- stian Scharvogel die Leitung der Vorschule übertragen. Als weitere Lehrer der Vorschule wurden durch Verfügungen vom 12. und 17. April der Hilfslehrer am Grossherzogl. Lehrerseminar zu Friedberg Adam Linker und der Schulverwalter Gustav Weigand zu Darmstadt berufen. College Linker wird uns mit dem 1. Octo- per d. J. leider wieder verlassen, um eine Lehrerstelle an einer Mittelschule in Frankfurt a. M. zu übernehmen.
Durch Verfügung vom 5. März wurde dem Grossherzogl. Reallehrer Dr. Ludwig Schaum zu Bingen und durch Verfügung vom 21. April dem Schulamts-Aspiranten Wilhelm Süss aus Partenkirchen die provisorische Verwaltung einer Lehrerstelle am hiesigen Gymnasium übertragen. Der Letztere übernahm u. a. den seit Ostern vorigen Jahres durch die hiesigen Volksschullehrer Andres, Friess, Fuchs und Wettig ertheilten Schreib- unterricht.
Dr. Schaum war vom 30. Mai bis zum 23. Juli zu militärischen Uebungen einberufen. Seine Unterrichts- stunden sowie die des seit dem 16. Juli erkrankten Dr. Drescher wurden grösstentheils den beiden Accessisten Obenauer und Rudershausen übertragen.
Die bei unserer Anstalt übliche Gedenkfeier zur Erinnerung an die glorreichen Ereignisse von 1870 und 1871 wurde am 10. Mai in herkömmlicher Weise abgehalten.
Gemäss Anordnung der vorgesetzten Behörde wird seit dem 13. Juli durch hiesige Aerzte eine sorgfältige Untersuchung der Augen unserer Schüler vorgenommen.
Im Sommerhalbjahr war den Schülern aller Klassen unter Aufsicht von Lehrern in der Ohaus'schen Bade-
austalt unentgeltlich Gelegenheit zum Baden und Schwimmen geboten.


