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dem eigentlichen souverain, dem Volke überlassen, wobei natürlich der satz von einer Minderheit, die nach Gewalt strebe, von einer Mehrheit, die den Tod des Königs nicht wolle, mehrfach wiederkehrte und überhaupt von Mehrheit und Minderheit viel die Rede war, da erhob sich RobeSPierre zu mordschnaubender Gegenwehr und schleuderte das Wort in die Versammlung:„Die Mehrheit taugt nichts; die Tugend war hienieden immer in der Minderheit.“ „Wie wäre sonst“, fuhr er fort,„die Erde mit nichts als mit Tyrannen und mit sklaven bevölkert? Die Kritias, die Anytos, die Cäsar, die Clodius waren von der Mehrheit; aber sokrates war von der Minderheit, denn er trank den Giftbecher, Cato war von der Minderheit, denn er zerriß sich selbst sein Eingeweide.“
Die wahnsinnige Phrase fiel sogar in jener Versammlung und in jenen wilden Tagen auf; denn Vergniaud antwortete in der mehrfach zitierten großen Rede vom 31. Dezember 1792:„Die Tugend, sagte man, sei auf Erden immer in der Minderheit gewesen. Nein, Bürger, Catilina war in der Minderheit.“
Aus diesem Worte RobeSPierres:„Die Mehrheit taugt nichts; die Tugend war hienieden immer in der Minderheit“ ist nach mehr als zwölf Jahren in schillers Geist der Ge— danke geworden:
„Mehrheit ist der Unsinn; Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen!“
Wir sehen hieraus, wie hoch und edel dieser große Dichter selbst den sinnlosen Wahnwitz zum gehaltvollen Wahr— wort umzuwandeln, das Hohle mit Geist zu füllen, das Gemeine mit schönheit zu umkleiden vermochte, wir sehen aber vor allem, wie tief die Eindrücke von 1792 in seiner seele eingegraben sein mußten, wenn sie nach so langer Zeit noch solche Nachwirkungen üben konnten, und so wird auch diese Beobachtung, wie sie den AusgangSPunkt tatsächlich gebildet hat, eine mittelbare Bestätigung meiner Annahme, daß die französische Königstragödie von ganz bedeutendem Einfluß auf die Entstehung und Gestaltung von Maria stuart gewesen ist.
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