Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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und sittlich zu bilden, nicht. Dieser muss vielmehr, wenn er es zur Meisterschaft in seiner Kunst bringen will, mit demselben Grade wissenschaftlicher und practischer Durchbildung, welcher andern Meistern unentbehrlich ist, die Erfordernisse eines durchweg normal denkenden und fühlenden, von störenden Eigenheiten freien, leidenschaftslosen, mit jener persönlichen Würde, welche der Besitz wahrer religiös-sittlicher Bildung verleiht, ausgestatteten und so zum Herrschen über die Jugend geschaffenen Menschen verbinden. Das ist nun freilich eine Summe von Eigenschaften, die nur Wenige besitzen; und in dem Verhältniss zur Zahl der Fälle, in denen diese Eigenschaften in der Person eines Menschen sich vereinigt finden, steht die Zahl der wirklich vollendeten Meister in der Erziehungskunst, soweit man hier überhaupt von Vollendung reden darf.

Wenn nun aber auch ein Erzieher und wir verstehen hier einen solchen, welcher der Schule angehört zu der für einen Menschen erreichbaren Stufe der Meisterschaft sich emporgearbeitet hat, begegnet er dennoch in der Ausübung seines Berufes grösseren und zahlreicheren Schwierigkeiten, als ein Meister in einer anderen Kunst. Denn vor Allem umfasst seine Mühe und Sorge einen Gegenstand, dessen Prüfung, Erforschung und Gestaltung wohl das Schwierigste ist, was es gibt, das menschliche Herz. Und dieses empfängt er in der Regel nicht so, wie andere Meister die zu bearbeitenden Stoffe von der Natur sich reichen lassen, sondern nachdem entweder Vernachlässigung oder fehlerhafte Behandlung bereits Spuren des Verderbens zurückgelassen haben. Und auch dann noch sieht er sich oft bei seiner ernsten Arbeit vergebens nach Unterstützung um; vielmehr wird ihm von vielen Seiten, nicht selten sogar von Seiten derjenigen, die sich im eigensten Interesse mit ihm zu gemeinsamem Bemühen verbünden sollten, bald aus Unkenntniss bald aus Schwäche entgegen gewirkt. Endlich ist es der Zögling selbst, der sich in letzter Instanz entscheidet, ob er sich das an ihm versuchte Werk religiös-sittlicher Bildung gefallen lassen will, oder nicht, und der oft, gleich einem Fieberkranken, die Hand zurückstösst, die ihm die rettende Arznei darreicht. Wenn also selbst im denkbar günstigsten Fall ein vollendetes Werk der Erziehung aus der Hand des Erziehers nicht hervorgehen kann, weil es erstlich keinen absolut vollendeten Meister gibt, der dasjenige, was er mittheilen soll, in vollkommenem Nasse besitzt, sodann aber auch weil kein Mensch, selbst wenn ein Gott sich an ihm thätig erwiese, die vollendeten Formen religiös-sittlicher Schönheit annähme: wie soll der Erfolg dort vollkommen sein, wo der Erzieher mit der Ungunst der ihn umgebenden Verhältnisse in beständigem Kampfe liegt!

Bensheim, im August 1878. Dy. Keller.