Zögling der unmittelbaren, persönlichen Führung durch den Erzieher mehr, als auf dem Wege, den der Charaktervolle wühlt. Denn dieser geht einen Weg, den, an sich uneben und voll von Hindernissen, Uneigennützigkeit trat und schon aus diesem Grunde nur spärliche Tritte bezeichnen. Zu beiden Seiten begafft ihn die selbstgefällige Weltklugheit und verfolgt seinen mühevollen Gang bald mit Lächeln des Mitleids, bald mit boshaftem Spotte. Möchte es doch dem deutschen Gymnasium unter der Gunst besserer Verhältnisse, als die bisherigen gewesen sind, gelingen, einer grossen Anzahl der besten und edelsten Jünglinge Lust und Liebe zu diesem zwar schwierigen, aber ehrenvollen Wege einzuflössen und den weltklugen Menschen nach und nach eine andere Meinung von den mit kühnem Muthe und edler Begeisterung Dahinziehenden beizubringen!—
Die Klage, dass es mit der religiös-sittlichen Bildung unserer studirenden Jugend nicht gut stehe, und dass das Gymnasium, ungeachtet der gerühmten, ihm zu Gebote stehenden reichhaltigen Bildungsmittel, den wichtigsten Theil seiner Aufgabe sehr unvollständig löse, erscheint, wenn sie im Besonderen Zuständen der gegenwärtigen Zeit, im Gegensatze von Zuständen früherer Zeiten, gelten soll, nicht ganz berechtigt; sie wäre aber gewiss berechtigt, wenn man sie in der Weise formulirte, dass man sagte, das Gymnasium löse jenen Theil seiner Aufgabe nicht in dem Masse besser als früher, in welchem Regierungen und Gemeinde- vertretungen auf die Verbesserung so mancher persönlichen und sachlichen Verhältnisse ihre Aufmerksamkeit und Sorge gerichtet hätten. Indessen muss man bedenken, dass die Schule auf die Erziehung zunächst und hauptsächlich nur durch Belehrung zu wirken berufen sei, und dass der Hauptantheil an der Erziehung, durch Gewöhnung und Beispiel. dem Hause zufalle. Nichts desto weniger scheint es ausser allem Zweifel zu sein, dass der Antheil, den das Haus an der wirklichen religiös-sittlichen Bildung der Jugend für sich in Anspruch zu nehmen das Recht hat, in den meisten Fällen in gar keinem Verhältnisse stehe zu jenem Antheil, der dem Wirken der Schule zugeschrieben werden muss; dass demnach im Allgemeinen die Schule in Ansehung der religiös-sittlichen Bildung der Jugend ihre Aufgabe ungleich besser begreife und leidlicher löse, als das Haus. Wo aber auch immerhin der Erzieher thätig ist, ob im Hause, ob in der Schule, ob in der Kirche, überall gelten von seiner Person die nämlichen Erwägungen, die nämlichen Regeln. Auf den verschiedenen Gebieten der Kunst und Wissenschaft pflegt der Mensch unter Entfaltung seines Fleisses und der ihm angeborenen Begabung über die Stufen des Lehrlings und Gesellen, wenn wir uns so ausdrücken wollen, zu derjenigen des Meisters vorzuschreiten. Auf dieser Stufe angelangt, hat er es ganz in seiner Gewalt, das Werk, dessen Ausführung er unternimmt, dem möglichen Grade der Vollendung entgegen zu führen. Er prüft die Beschaffenheit der Stoffe, die er zu behandeln hat. wählt darnach die Mittel und Wege zu deren Bearbeitung und kennt bereits beim Beginne das Ziel, zu welchem er gelangen wird. Sein Menschenwerth kommt dabei wenig oder gar nicht in Betracht: der hervorragendste Jurist, Mediciner, Philologe, Maler, Bildhauer etc. kann ein durchaus verkehrter Mann in allen andern Dingen, die sein Fach nicht berühren, ja selbst ein sittlich verkommener Mensch sein. So steht es mit demjenigen, der die erhabenste aller Künste zu üben hat, die Kunst Menschen geistig


