Aufsatz 
Die Aufgabe des deutschen Gymnasiums in Ansehung der religiös-sittlichen, geistigen und nationalen Bildung der Jugend / Keller
Entstehung
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der ihn ziert, unter dem Verluste eines geraden. unbestechlichen, ehrenwerthen Charakters.

Wie schön wäre es auf der Welt, wenn charakterfeste Menschen recht zahlreich wären! Wahrlich, die Erde gliche einer Arena., auf welcher die besten Kräfte mit einander sich mässen, es stünden sich die Menschen in achtunggebietender heldenmässiger Grösse einander gegenüber, und es wäre eine Lust, eine Wonne, Mensch zu sein. So aber, wie es in der Wirklichkeit ist, befüllt den Mann eine wahre Schwermuth, wenn er sich in den engeren oder weiteren Kreisen seines Verkehrs umsieht und wahrnimmt, wie gar nicht erfreulich es in dieser Hinsicht bestellt ist; wenn er sieht, wie selbst diejenigen, die er noch für die Besseren zu halten geneigt ist, und die er wegen so mancher Vorzüge aufsucht und mit denen er sich so gern zu gemeinsamem Streben verbinden möchte, im Verkehr mit Welt und Menschen so oft aus kleinlichen Rücksichten den Mann verleugnen. wie sie bald durch die Hoffnung auf einen Gewinn, bald durch die Furcht vor einem Nachtheil sich den Mund schliessen lassen, wo doch so viel darauf ankäme, der besseren Erkenntniss, der Ueberzeugung, der Wahrheit ohne Rückhalt das Wort zu reden.

Unter allen Anstalten, die sich mit der Heranbidung der Jugend befassen, besitzt keine zum Zwecke der Charakterbildung eine glücklichere Anlage, als das Gymnasium. Denn es hat die Aufgabe, ohne Rücksicht auf den besonderen dereinstigen Beruf seiner Zöglinge, den Geist allseitig zu bereichern, das Herz zu veredeln, Ideale des Lebens aufzustellen. Aber unter allen Bildungsanstalten hat auch keine über so reichhaltige Mittel zu dem genannten Zwecke zu verfügen, als das Gymnasium. Denn die herrlichsten, grossartigsten Charaktere, welche die vornehmsten Culturvölker aufzuweisen haben, treten im Gymnasium dem Knaben und Jünglinge vor die Seele, und die Vorzüge dieser Heldenerscheinungen finden ohnediess durch den Mund der beredtesteu Männer die verdiente Verherrlichung. Oder gibt es eine Zeit, die fruchtbarer an Charakteren gewesen wäre, als die classische Zeit der Griechen und Römer? Aber ausserdem, dass die Gymnasialjugend an lebendigen Beispielen die Schönheit eines von Ueberzeugung, Muth und Unbestechlichkeit der Grundsätze geleiteten Handelns schätzen und bewundern lernt, tritt ihr in bedeutsamen Zügen die Thatsache vor die Seele, dass die menschliche Gesellschaft das Beste, Höchste und Werthvollste, womit sie im Laufe der Jahrhunderte beglückt ward, dem unbeugsamen Sinne einzelner Männer verdanke, die vor keiner Anstrengung, vor keinem Opfer, vor keiner Gefahr zurückschreckten, wenn es galt, einen hochliegenden Gedanken zu verwirklichen, das mit klarem Geiste geschaute Ziel zu erreichen. Es arbeitet endlich auch keine Anstalt in so geeigneter Zeit an der Lösung ihrer Aufgabe, als das Gymnasium. Denn es besitzt den Zögling vom zurückgelegten neunten Lebensjahre, also von der Zeit der ersten Jugendblüthe an, bis zu jener Zeit, in welcher der Mensch die grösste Elasticität des Geistes und die regste Empfänglichkeit des Gemüthes zu offenbaren pflegt. Wenn darum das Gymnasium nicht im Stande würe, Charaktere zu bilden, dann bräuchte man sich überhaupt nach keiner Lehr- und Erziehungs- anstalt umzusehen, die solches vermöchte. Aber auch das Gymnasium wird nicht im Stande sein, diese seine hohe Mission zu erfüllen, wenn nicht die Lehrer des Gymnasiums in ihrer

eigenen Person Bilder nachahmungswürdiger Charaktere aufstellen. Nirgends bedarf der