Aufsatz 
Der französische Anfangsunterricht im Gymnasium / von Julius Jäger
Entstehung
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im fremden Lande ſich deſſen Sprache aneignen will, ſtrömen die neuen und ungewohnten Laute, Worte und Sätze in ſolcher Maſſe und in ſolcher Beſtändigkeit zu, daß nicht daran zu denken iſt, dieſe Art der Sprach⸗ erlernung ohne weiteres in die Schule mit ihrer beſchränkten Zeit einzuführen, und ſo fügt denn auch Münch (a. a. O.) hinzu:„Bei planmäßigem Unterricht aber iſt von ihr in dieſer urſprünglichen Natürlichkeit ja nicht mehr die Rede. Sie erfährt eine weſentliche Modifikation, nimmt eine entſcheidende Wendung zur Wiſſen⸗ ſchaftlichkeit oder Geiſtigkeit, indem über die Nachahmung, Analogie und Gewöhnung hinaus bewußte plan⸗ mäßige Induktion geübt wird. Hiermit hat ſie ihre urſprüngliche Eigenart gewiſſermaßen ſchon verlaſſen, denn was iſt in praxi natürlicher, als daß die induktoriſch gefundenen Geſetze hinfort zu deduktoriſcher Bethätigung verwendet werden!“..

Gegen dieſe Ausführungen erheben ſich verſchiedene Bedenken. Da nach der Natur des Unterrichts die Induktion keine unbewußte ſein kann, ſo kommt bei derſelben doch auch wieder das Reflexionsvermögen in Thätigkeit; iſt dem aber ſo, d. h. muß der Schüler reflectierend ſich doch ſein Paradigma zuſammenſtellen, ſo wird es im Grunde ziemlich einerlei ſein, ob ihm die Formen der Konjugation z. B. in einer Anzahl Leſeſtücke zerſtreut, aus denen er ſie unter Anleitung des Lehrers zuſammenſuchen, dann womöglich noch durch Auswendiglernen im Gedächtniſſe befeſtigen und hierauf unter Beihülfe der Reflexion wieder an⸗ wenden muß, oder in Form eines Paradigmas, an die er ſchon aus dem Lateiniſchen her gewöhnt iſt, zuerſt dargeboten werden. Lernen doch die Schüler ſchon im Plötz die Verbalformen lieber nach der ſchematiſchen Zuſammenſtellung, wo ſie die verſchiedenen Zeiten und Modi überſichtlich gruppiert finden, als nach dem in den Lektionen ſtückweiſe gegebenen Paradigma. Ferner muß ſelbſt die bewußte In⸗ duktion ſich entweder an einer ziemlich bedeutenden Menge von Material vollziehen, was bei der beſchränkten dem Unterricht zur Verfügung ſtehenden Zeit kaum möglich iſt, oder die Leſeſtücke müſſen ſo eingerichtet ſein, daß die verſchiedenen grammatiſchen Erſcheinungen nach einem ſorgfältig durchgeführten Plane nach und nach dem Schüler vorgeführt werden, und daß er nicht durch zu vielerlei von der Hauptſache, die er gerade finden ſoll, abgelenkt wird. Von den bis jetzt vorhandenen Leſe⸗ oder Uebungsbüchern dürfte wohl kaum eines dieſer Forderung entſprechen. Sollten aber etwa aus einem Leſeſtück die verſchiedenſten grammatiſchen Erſchein⸗ ungen nach und nach abſtrahiert und dazwiſchen eingeübt werden, ſo müßte dieſes Stück für den Schüler ſchließlich doch eben ſo langweilig und öde werden, wie man es den Einzelſätzen bei Plötz zum Vorwurf macht.

Unzweifelhafte Vorteile der Induktionsmethode liegen andererſeits darin, daß die zu behalten⸗ den grammatiſchen Formen im Gedächtnis eine Stütze finden müſſen durch den inhaltlichen Zuſammen⸗ hang, in dem ſie dargeboten werden, dann auch in der Freude oder Befriedigung, die der Schüler über das empfindet, was ihm nicht als etwas Fertiges zun Auswendiglernen dargeboten worden iſt, ſondern was er ſich durch eine mehr ſelbſtändige Geiſtesthätigkeit ſelbſt erarbeitet hat, mit anderen Worten: in der Freudigkeit des Schaffens. Es fragt ſich nun: koͤnnen wir uns dieſe oder ähnliche Vorteile nicht auch in einem Verfahren ſichern, das ſich an Plötz anſchließt? Eine Stütze für die ins Gedächtnis neu aufzunehmenden grammatiſchen Formen können wir auch dadurch gewinnen, daß wir ſie ſoviel als möglich mit den in demſelben bereits vor⸗ handenen grammtaiſchen Formen des Lateiniſchen und Deutſchen und, wenn bereits einige Kenntniſſe im Franzöſiſchen vorhanden ſind, mit den ſchon gehabten franzöſiſchen Formen in Verbindung bringen, wobei man, wo es angeht, auch durch den Gegenſatz wirken kann. Soweit es der Faſſungskraft der Knaben entſpricht, muß die hiſtoriſche Grammatik für den Unterricht nutzbar gemacht werden. Geſchieht dies aber in der richtigen Weiſe, ſo wird dem Schüler nichts Fertiges zum Auswendiglernen gegeben— und hier kommen wir zu unſerem zweiten Vorteile, der Freudigkeit des Schaffens—, ſondern er hilft ſelbſt mit, die neuen Formen entſtehen zu laſſen; unter der Anleitung des Lehrers entwickelt und erarbeitet er ſie ſich ſelbſt. Handelt es ſich z. B. um die Mitteilung des Imperfekts des Indikativs von étre in Lektion 34, ſo wird