Aufsatz 
Vergilstudien : 1. Teil. Die Götter in der Aeneis
Entstehung
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Der Aeneis liegt dagegen eine tendenziöse Sage zu Grund. Der Feld erscheint als der Träger einer Mission. Auf sie muss er von Anfang an durch Zeichen und Wunder aufmerksam gemacht werden. Sie ver- urteilt ihn zu der fast unthätigen Rolle bei der Zerstö- rung Trojas, die uns das quorum pars magna fui als grosse Uebertreibung erscheinen lässt. Als kurzsichtiger Mensch irrt Aeneas in der Deutung der geheimnissvollen Weisung, als schwacher Mensch befindet er sich in der Gefahr, bei Dido seine Mission zu vergessen. Deshalb muss zu verschiedenen Malen die göttliche Leitung Platz greifen, bis der Held das von der Vorsehung be- stimmte Ziel erreicht. Kaum ist er an ltaliens Küste gelandet, da fordert eine neue Tendenz ihr Recht. Neben der Mission des Aeneas sollte aus nationalen Rücksichten auch italisches Heldentum zur Geltung kommen, daher musste für italischen Heldenruhm Raum geschaffen werden, und bei der Entscheidung durfte nicht so sehr die persönliche Tüchtigkeit des Ankömmlings als der Wille des Schicksals den Ausschlag geben, wenn auch Aeneas und Turnus nicht völlig gleich gezeichnet sind. Das Eingreifen der Götter durfte sich nicht auf eine Ergänzung des menschlichen Wollens beschränken, son- dern musste gelegentlich dem des deus ex machina der

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Tragoedie ähneln.(Daher das gesteigerte Eingreifen ge-

rade in Buch XII.) Wenn daher in der Aeneis die gött- liche Führung vielfach den Heldencharakter des Aeneas beeinträchtigt, so müssen wir dies der Tendenz der Sage zuschreiben. Manche Unterschiede zwischen Homer und Vergil ergeben sich aus der Verschiedenheit der Zeit. An die Stelle hom. Naivetät und Urwüchsigkeit ist eine geläuterte Gottesidee, die Vorstellung eines Weltplanes und einer die Geschicke der Völker bis in ferne Zeiten leitenden Vorsehung getreten. Das schärfere Unter- scheiden zwischen dem Alltäglichen und dem Ausserge- wöhnlichen, zwischen dem Natürlichen und Uebernatür- lichen hatte wohl das auffallendere Eingreifen der Götter zur Folge. Als römischer Dichter lässt Vergil römisches Pathos, römischen Sinn für Hoheit und Würde und die Rhetorik seiner Zeit zur Geltung kommen. Nach seinem persönlichen Bedürfnis führt er die Götterscenen mehr oder weniger in epischer Breite aus und verbindet dabei wie Schiller gelegentlich mit dem poet. oder rhetor. Pathos vereinzelte realistische Züge. Im allgemeinen kann man sagen, dass die Götter- scenen die homerische Einheitlichkeit, Sichtbarkeit und Plastik eingebüsst haben; zu einem unverstandenen Orna- ment sind sie jedoch nicht geworden.