unwesentlich. Der Vorgang ist nur die Hinrichtung eines zuvor zum Tode Verurteilten.—
Die Vs. 593 angekündigte Bergung der Leiche Ka- millas wird nicht geschildert. 725 thront Zeus beob- achtend auf dem Olymp und wirkt auf Tarchon ein.
XII.
Vs. 134 erscheint Iuno dem Schauplatz der Begeben- heiten näher. Sie schaut vom mons Albanus dem Kampf zu, denn sie muss mit Juturna, die eine Lokalgöttin ist, in Verbindung treten können. Wie mehrfach im VIII. Buch erinnert der Dichter mit 135 an die vorhistorische Zeit. Vs. 143 verrät das die ganze Aeneassage kenn- zeichnende Streben, ein Gegenstück zum griechischen Mythus zu schaffen.
Von 154 ab zeichnet Vergil den Seelenzustand der Juturna. Sie ist tristi turbata vulnere mentis, aber sie muss handeln. Ueber Mittel und Wege sagt ihr Juno nichts; das si quis modus in ihrem Munde muss sogar lähmend wirken. Juno und der Leser verlassen sie incertam. Von 222 ab greift sie in die Handlung ein, sie hat ihre Fassung wieder gewonnen und zeigt sich als die ebenbürtige Schwester des Turnus, der nach der Tendenz des Werkes eine Heldenrolle spielen muss. Ihr Wirken kann natürlich die Katastrophe nur aufschieben. Die ersten Verse lehnen sich an II. IV 85 ff. an. Camers entspricht dem Laodocos. Im Gegensatz zu der schlichten Einführung dieses wird in der Aeneis in echt römischer Weise auf den Ruhm der Familie hingewiesen. Aber
auch andere Unterschiede sind beachtenswert. Die Rutuler
sind für den Vertragsbruch schon disponiert, der Zwei- kampf scheint ihnen— zur grösseren Ehre des Aeneas — ungleich, das Aussehen des Turnus rechtfertigt ihre Gedanken, und Juturna benützt geschickt die schon vor- handene Stimmung. Bei Homer muss nur Pandaros ge- wonnen werden, hier muss die Menge beeinflusst werden. Hierbei kommen auch Abkunft und persönliche Bedeutung des Camers zur Geltung. Seine Worte werden noch durch das ausführlich geschilderte augurium bekräftigt, welches den etwas an Laokoon erinnernden Augur Tolum- nius zum Handeln treibt. Bei Homer liegt ein souve- ränes Vereiteln menschlicher Absichten durch die Gottheit vor, Vergil dagegen legt, um den Vorgang den Lesern seiner Zeit menschlich näher zu bringen, auf die Ver- kettung der Umstände und die psychologische Motivierung Gewicht.
411— 420 bringt Venus das Diktamnum.
Il. 19 352 ff. stärkt Athene auf Wunsch des Zeus den Achill mit Nektar und Ambrosia für den bevor- stehenden Kampf. Sollte Vergil die Stelle vorgeschwebt haben, dann hätte er durch die Hereinziehung des Dik- tamnum seine Gelehrsamkeit verwertet(vergl. Cic. d. n. deo. II 50.) Venus pflückt es auf dem kretischen Ida und trägt es herab. Der Entfernung und des Verschwindens der Göttin gedenkt Vergil nicht, anders Homer l. c.— Ueber alle Schwierigkeiten hilft das ablenkende obscuro circumdata nimbo und das Realistische in 417 hinweg. In dem Verhalten des Japyx liegt, verglichen mit Homer, etwas Modernes. Er ist longaevus und von Apollo selbst in die Heilkunde eingeführt, aber der Sachkundige
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steht hier einem Rätsel gegenüber, das er nur durch das Eingreifen einer Gottheit— maior deus vgl. Vs. 405— erklären kann.
554 ist nach Ladewigs Urteil„ganz in hom. Weise“.
623 greift Juturna wiedderum ein. Turnus erkennt in Metiscus seine Schwester— warum, wissen wir nicht, er partizipiert an der Kenntnis des Dichters.— Dadurch wird eine rührende Scene zwischen den Geschwistern und ein Konflikt in Turnus Seele geschaffen, in dem die Heldenehre siegt.
725— 26 wägt Zeus nach dem Vorbild der Jlias die Schicksale der beiden Helden ab. Bei Homer tritt an beiden Stellen(8, 69 u. 22, 200) das Ergebnis zu Tag.
— aequato examine erinnert an das Richten der Wage, Homer betont den Stoff und das Emporhalten. Der Aus- druck Vergils lässt das Thun des Zeus subtiler erscheinen.
766. Die feststeckende Lanze findet sich auch bei Homer Il. 21, 174 ff. aber ohne Eingreifen der Götter, nur als Folge der Wucht des Wurfes. Hier überbieten sich die Gottheiten; der Dichter will den Moment als besonders kritisch erscheinen lassen. Zu 784 bemerkt Servius: ‚Juturna war wieder Göttin geworden, nachdem Turnus den Wagen verlassen hatte“ und weist so auf eine Lücke der Darstellung hin.
789 ff. enthalten den Kompromiss zwischen Zeus und juno. Diese sieht dem Kampf von einer Wolke aus zu(sie wird fulva genannt, wozu Servius: de aere, de elemento suo bemerkt). Ueber den Standort des Juppiter erfahren wir nichts. Seine Bemerkung aut qua spe gelidis in nubibus haeres klingt spöttisch und ist menschlich empfunden; ausserdem zeigt sie, dass sich der naturwissenschaftlich denkende Dichter in den Luft- regionen auskennt. Das Abkommen der beiden Gottheiten entspricht der nationalen Tendenz des Gedichtes. Juno ist„des langen Haders müde“; excedit caelo nubemque reliquit ist wie 796 ein vereinzelter realistischer Zug, der. uns in seiner Vereinzelung das Unplastische und Skizzen- hafte der ganzen Scene um so mehr zum Bewusstsein bringt.
843 ff. Zeus schickt eine der Dirae zur Erde, dabei wird der Volksaberglaube verwertet, der Eindruck auf Juturna giebt Anlass zu einem Stimmungsgemälde.
—y.j—
In der Ilias ist der Zorn des Achilles menschlich motiviert, seine Dauer ist begründet im Charakter des Helden, auch sein Ende wird auf rein menschliche Weise herbeigeführt. Das Eingreifen der Götter berührt somit das Hauptthema des Gedichtes nicht. In der Odyssee ist es ähnlich. Athene fördert die Bestrebungen des Helden, aber sie giebt seinem Wollen keine wesentlich neue Richtung. Andere Gottheiten hemmen ihn, aber es findet kein absichtliches Hinhalten der Entscheidung statt, der Groll des Poseidon verhindert das frühere Eingreifen der Götter zu Gunsten des Helden. Dann wirkt er nochmals beim Seesturm im 5. Buch. Wenn Kalypso den Odysseus Jahre lang bei sich behält, leitet die Göttin ein rein menschliches Motiv, ein rein persönliches Interesse, dem die äussern Verhältnisse zu statten kommen.


