Aufsatz 
Vergilstudien : 1. Teil. Die Götter in der Aeneis
Entstehung
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Vergilstudien I.

Die Götter in der Aeneis von Dr. Georg Ihm.

J.

Vs. 35 ist der Standort der juno nicht angegeben, Hom. Od. 5, 283 befindet sich Poseidon auf den Solymer- bergen. Juno gelangt haec volutans nimborum in patriam, Hom. Il. 14, 225 230 ist der Weg, den sie zurücklegt, um zu Hypnos zu gelangen, genauer angegeben. Vergil legt mehr Gewicht auf die Seelenstimmung der Göttin. Bei Homer findet ein Verhandeln zwischen den beiden Gottheiten statt, bei Vergil haben wir nur Wunsch, Ver- sprechen und Zustimmung. Vergil stellt den Vorgang mehr offiziell, weniger naiv, weniger episch, mehr skizzen- haft dar. Dem entspricht es auch, dass der juno nicht weiter gedacht wird. Wir erfahren nichts über ihren Weggang. Dem Dichter ist eben die Schilderung des Seesturmes die PHlauptsache, nach ihr gravitiert die ganze Darstellung.

Die von Homer abweichende Schilderung der per- sönlichen Verhältnisse des Aeolus ist durch den Hypnos der Ilias etwas beeinflusst. Nebenbei ist eine Anlehnung an Lukrez 6, 194 ff. bemerkbar. Am Ende des See- sturmes werden Cymothoe und Triton erwähnt, aber nicht eigentlich eingeführt. Poseidon fährt ziellos da- hin, anders Hom. Od. 5, 381. Aus Vergils Versen spricht die rein menschliche Freude an einer Spazierfahrt auf dem Meer bei heiterem Himmel.

Vs. 223 ff. Juppiter befindet sich aethere summo, nimmt Stellung vertice caeli, er schaut und dieses Motiv macht dem Dichter, wie andere Stellen zeigen, offenbar grossen Eindruck von der Flöhe des Him- mels herab auf das von Segelschiffen befahrene Meer und die weit ausgedehnten Ländermassen. Sein Blick verweilt auf Libyen. Da tritt Venus zu ihm. Woher sie kommt, wie sie dorthin gelangt, erfahren wir ebenso wenig wie den Standort des Zeus. An der vorbildlichen Homerstelle sitzt Zeus getrennt von den übrigen Oöttern auf der höchsten Kuppe des vielgipfeligen Olympos. Thetis kommt aus dem Meer und begiebt sich nach der Unterredung wieder dorthin, Zeus aber geht in seinen Palast. Während Homer durch Sichtbarkeit und Nähe wirkt, steht Vergil unter dem Eindruck der riesenhaften Dimensionen des Kosmos. Auch die Begrüssungsscene ist bei Homer plastischer. Bei Vergil ist ein individueller Zug in Vs. 228. Ebenso 25456, wo die heitere, über- legene Ruhe des Göttervaters einen wirkungsvollen Gegen- satz zu der hilflosen Erregtheit der Venus bildet, wäh- rend oscula libavit natae in dieser Situation echt mensch- lich empfunden ist. Das nun folgende klare Programm des Zeus beruhigt die Göttin ebenso, wie es das Inter- esse des Lesers an den ferneren Schicksalen des Helden beeinträchtigt. In diesem Zusammenhang erschliesst Zeus ferne jJahrhunderte, während sich bei Hlomer sein Rat- schluss nur auf die nächste Zukunft erstreckt. Bei der sich anschliessenden Entsendung des FHermes ist auch alles, verglichen mit dem hom. Gegenstück, unplastisch und vergeistigt. Im Gegensatz zur Wirksamkeit des hom.

Hermes lässt uns Vergil mehr ein geheimnisvolles Walten des Gottes ahnen. Dass auch er anders arbeiten kann, zeigt die Hermesscene in Buch IV.

Vs. 314 ff. erscheint Venus dem Aeneas als jägerin. Der Dichter zeigt eine Vorliebe für amazonenartige Ge-

bilde, auch uns gefällt diese anmutige, angemessene Be-

lebung der Waldeinsamkeit. Störend wirkt nur der Um- stand, dass Venus, mit der wir andere feststehende Vor- stellungen verbinden, so erscheint, dass sie mit der eben- falls feststehenden Gestalt der Artemis verwechselt werden kann. Auch will es uns nicht recht gefallen, dass dieses jugendliche Wesen die Mutter des schon in mittleren Jahren stehenden Aeneas und die Grossmutter des Julus ist. Das berührt uns auch bezüglich der nicht maskierten Venus schon sonderbar, während uns bei der hom. Thetis keinerlei Nebenvorstellung stört. Der orientierende Vortrag der Jägerin ist für Aeneas und den Leser recht schätzenswert, aber wenig künstlerisch. Die Verwande

lung der Venus vor ihrem Verschwinden ist effektvo!

Aeneas begreift nicht, warum ihm die Mutter nicht in ihrer wahren Gestalt erschienen ist. Wir nehmen an, dass der Dichter die Landschaft angemessen beleben und die Seelenstimmung des Aeneas in einer eigenartigen Lage zeichnen wollte. Fier giebt Vergil auch das Ziel der Venus an. Die Stelle ist Od. 8, 362 63 nachge- bildet, zeigt aber Vergils Eigenart. Statt des stehenden Beiwortesholdlächelnd heisst es laeta, was hier auf ihr erfolgreiches Bemühen bezogen werden muss. Hlomer erwähnt einen Altar, bei Vergil sind es natürlich 100, sie duften von sabäischem Weihrauch und sind mit frischen Blumengewinden umbkränzt.

411 hüllt Venus nach homerischem Vorbild den Aeneas und seinen Begleiter in eine dichte Wolkenhülle. Aber Homer kennt keine Situation wie 580, d. h. er hat sie nicht vorbereitet. Er empfand die Nebelhülle nur als etwas Geheimnisvolles, nicht als etwas Unnatürliches. Vergil zeichnet ihr Verschwinden mehr naturwissen- schaftlich, analog der Verflüchtigung des Gewölkes. Der Vergleich 592 93 ist gegen Od. 6, 233 vermenschlicht und der Kunstübung einer späteren Zeit angepasst.

Vs. 656 vertauscht Venus den Amor mit Ascanius, ein tändelnder Zug(vergl. die Eroten in der Kunst). Der Vorgang bietet dem Dichter Gelegenheit zur Zeichnung eines stimmungsvollen Bildes 69194. Sinnlich dar- gestellt und psychologisch richtig gedacht ist die Thätig- keit des Amor 71922.

II.

Vs. 590 erscheint Venus dem Aeneas, als er Helena töten will. Sie erscheint in ihrer wahren Gestalt. Vergil kommt es dabei auf den Beleuchtungseffekt an. Er lässt die Nacht der Zerstörung nach Bedürfnis bald finster, bald mondhell sein. Hier ist sie finster wegen des Kon- trastes zur Lichtgestalt der Venus.

604 ff. sind llias 5, 127 nachgebildet. Während aber bei Homer naiv die Entfernung eines Hindernisses ohne