23
einander seine ärmliche Besoldung von jährlich 80 Gulden, zu denen noch eine kleine Naturalleistung kam, aus der Stiftskasse nicht er- halten konnte. Und ähnlich wird es auch dem Rektor ergangen sein. Trotzdem hatten Beide fast zwei Jahrzehnte in gemeinsamer Arbeit ihres Schulamts gewaltet. Schon das unterscheidet sie von ihren Vorgängern, die zum Schaden der Schule so schnell wieder davongingen; es spricht aber zugleich auch für ihre treue, opferfreu- dige Hingebung, dass sie unter der Ungunst äusserer Verhältnisse nicht gleich erlahmten, sondern unentwegt solange an der einmal übernommenen Aufgabe festhielten. Weinrich gebührt daneben noch das besondere Verdienst, das Griechische nach längerer Unterbrech- ung wieder in den Unterricht aufgenommen zu haben. Wie weit sonst in dieser Zeit etwa Anderungen im Lehrplan der Schule vor- genommen wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir wissen nur, dass die lateinische Grammatica Giesena schon bald nach ihrem Er- scheinen zur Einführung gelangte, und dürfen wohl annehmen, dass unter dem Einfluss der fast durchweg in Giessen vorgebildeten Rek- toren die Reformbestrebungen des Ratichius auch damals noch an der Schule in Geltung waren. Und wie in Bezug auf den Lehr- plan jede bestimmtere Nachricht mangelt, so auch hinsichtlich der damaligen Frequenz. Sicher ist nur, dass der gleichzeitige Weg- gang Weinrichs und Müllers eine erhebliche Minderung und Ver- schlechterung des Bestandes zur nächsten Folge hatte, da die aus- wärtigen Schüler schnell von dannen gingen und ebenso von den einheimischen gerade der strebsamere Teil bald nach anderen Schulen verzog. Wohl hatte der junge Graf Johann Ernst in richtiger Er- kenntnis der Sachlage es eine seiner ersten selbständigen Regierungs- handlungen sein lassen, an Weinrichs Stelle einen neuen Rektor zu berufen, aber es dauerte noch über ein halbes Jahr, ehe der hierzu bestimmte Pfarrer Johann Nikolaus Schlosser sein Amt wirklich an- trat. So war die Schule wieder einmal an einen der kritischen Wendepunkte gelangt, wie sie die Geschichte ihrer Entwicklung schon des öfteren aufwies, und es kann unter diesen Umständen auch nicht Wunder nehmen, wenn Schlosser bei aller Anerkennung, welche er dem Wirken seiner unmittelbaren Vorgänger an der Schule zollt, von ihrem Zustand bei der Übernahme seines Amtes trotedem die traurigste Schilderung entwirft. Die noch vorhandenen Schüler brachten dem Unterricht nicht das geringste Interesse ent-
Schlossers bereits am 2. Dezember 1684 erfolgte. ofr. Sohlosser-Cramer, hist. Gymn.(ed. Friedemann, Progr. 1836) S. 17.


