Aufsatz 
Fischenich und Charlotte von Schiller. Aus ihren Briefen und andern Aufzeichnungen
Entstehung
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38— 1815—

die ſittliche Kraft des Staats die ſo viele Wunder gethan; und ſelbſtändig als Glied eines wahren Gemein⸗ weſens wird jeder Einzelne die Selbſtändigkeit des Ganzen zu vertheidigen bereit ſein, bereit ſein für König und Vaterland ſich zu opfern, und freudig ſein Alles ſetzen an ſeine Ehre und die Ehre der Nation.„„Die Steuern ſollen mit Eurer Zuziehung feſtgeſtellt werden,““ das ſind die merkwürdigen Worte des Königs welche in allen Herzen widertönen; dies der erſte wichtigſte Schritt zu jener Verfaſſung, deren der Deutſche ſich würdig gezeigt, welche durch gegenſeitige Beſchränkung der Machtzweige, durch freie das Ganze belebende Wechſelwirkung der verſchiedenen Gewalten die individuelle Freiheit und die Rechte eines Jeden ſoviel möglich gewährt, ohne die Selbſtthätigkeit der Regierung zu lähmen, die durch das Geſetz und die Achtung die ſie und der Bürger dafür trägt, ſtark und mächtig iſt. In einem Staat der ſich durch höhere Kultur auszeichnet, wo die liberalſten Grundſätze vom Thron herab verkündet und in Ausübung gebracht wurden, wo die Fürſten ſeit mehr als einem halben Jahrhundert Schöpfungen auf Schöpfungen häuften, in dieſem Staat wird man den regen Geiſt dieſer Zeit, auf den die Regierung ſo mächtig einwirkte, nicht verkennen und keine billige Forderung einem Volk verſagen, das ſeinen biedern und ſtandhaften Sinn durch ſo glorreiche Thaten beurkundet hat. So knüpft ſich ein neues Band zwiſchen den Staatsgenoſſen ſelbſt und zwiſchen ihnen und der Regie⸗ rung; ſo ſteigt und wächſt und befeſtigt ſich das Vertrauen, wodurch allein der Staat zum Bewußtſein ſeiner Kraft gelangt und eines wahren ſelbſtthätigen Lebens ſich freut. Die Berührungspunkte vervielfältigen ſich, es weckt und fördert und bildet einer den andern; ein unaufhörliches Leben und Streben läßt keine Anlage unentwickelt, keine Kraft unthätig ruhen; und ſo wie der Bürger mit Freiheit und Anſtand in den Schranken des Geſetzes ſich bewegt, ſo geht er als Menſch ſeiner höhern Beſtimmung entgegen; Sittlichkeit und Religion vollenden, was für den Staat unerreichbar iſt. Mit wenigen, aber alles erſchöpfenden Worten, mit frommer Scheu deutet der gottesfürchtige König auf dieſes Heiligſte hin, das nur allzuleicht, nur allzuoft durch Worte entweiht wird. Wer reines Herzens iſt, wer von ächt religiöſen Geſinnungen durchdrungen iſt, für den kann keine Frage ſein, was hier der Staat ſoll, was er darf ꝛc.“ Am Schluß heißt es:„Einen Beweis ſeiner Achtung und ſeines Wohlwollens hat der Monarch uns gegeben in der Wahl ſeiner Stellvertreter, der hoch⸗ geachteten, befreundeten Männer, die die Ausleger unſrer Wünſche und Hoffnungen, die Bürgen unſrer Treue und Anhänglichkeit ſein werden. Hoher beſcheidener Muth, Stärke und Kraft, Gerechtigkeit und Milde ſtellen ſich unſrem Auge in ſchönen Beiſpielen dar, Tugenden und Eigenſchaften welche die Welt in unſerm Könige verehrt. Auf dieſen Grundfeſten ruhe und blühe und gedeihe der neue Bund, den wir jetzt ſchließen vor dem Thron! Unter freiem Himmel, im Angeſicht desjenigen der die Könige richtet und ihre Völker, geloben wir willigen Gehorſam und unverbrüchliche Treue dem Könige unſrem neuen Landesherrn und ſeinen rechtmäßigen Nachfolgern auf Preußens Thron.“

Im folgenden Briefe iſt von dem Verluſt die Rede den Charlotte erlitten: ihre geliebte„Prinzeß“ die Erbgroßherzogin von Mecklenburg war am 20. Januar 1816 geſtorben.

Fiſchenich an Charlotte.

Ihr Verluſt liebe Freundin, geht mir ſehr nahe; ich fühle was es ſagen will, eine ſolche Freundin zu verlieren. Unſer Daſein wächſt endlich mit dem eines geliebten Freundes ſo zuſammen, daß wir nicht mehr wir ſelbſt zu ſein ſcheinen, wenn uns ein unvermeidliches Schickſal auf immer trennt. Auch ich habe das Unglück gehabt einen Freund nach dem andern zu verlieren, theils durch Tod theils durch die Begebenheiten der Zeit die alles feindſelig auseinander riß, wo insbeſondre die Beamten ein nomadiſches Leben führen mußten, das ſelbſt nach wiederhergeſtellter Ruhe noch nicht aufgehört hat, im Gegentheil von den Regierungen abſichtlich unterhalten wird. Ihnen liebe Freundin, bleibt ein großer Troſt; Sie haben Kinder, gute hoff⸗ nungsvolle Söhne, liebenswürdige Töchter, welche Ihnen bisher nur Freude gemacht haben und gewiß immer machen werden. Denn ſelbſt die Sorge für ſie hat, was Sie vor Andren erfahren haben, etwas ungemein Süßes, und aus der Unruhe die das mütterliche Herz zuweilen ängſtigt, entſprießen ihm neue Freuden ganz eigener Art. Ich brauch' Ihnen dies nicht zu ſagen theuerſte Freundin! Daß ich es geſagt habe, dazu hat