12— 1797—
Fiſchenich an Charlotte. 12. März 1797.
Um nicht in den Verdacht zu gerathen als ſei mein Eifer ſchon wieder erkaltet, muß ich Ihnen meine Freundin, mit ein paar Worten melden, daß mir bisher das Schreiben und Leſen äußerſt beſchwerlich und oft unmöglich fiel, weil ich von einem hartnäckigen Hals⸗ und Augenweh geplagt wurde ꝛc. Es wird hier eheſtens eine Veränderung mit der Landesverwaltung vor ſich gehen die noch zur Zeit größtentheils in fran⸗ zöſiſchen Händen iſt. Wenn dieſe ſo wie man wünſcht, ausfällt, ſo werde ich wenigſtens nicht um Oſtern, wie ich entſchloſſen war, von hier weggehen können. Dennoch verzweifle ich nicht, Sie noch einmal wieder zu ſehen; und nicht wahr liebe Mutter(oder ſoll ich etwa dieſes Wörtchen ausſtreichen?) es kommt Ihnen auch ſo vor als wenn mein Wunſch in Erfüllung gehen werde. Seit Sie mir ſo viel Schönes von Ihrem Karl und Ihrem Ernſt geſagt haben, bin ich viel aufmerkſamer auf Kinder geworden, und habe mich dabei oft einer Stelle aus Schiller's Abhandlung über das Naive und aus einem gewiſſen heiligen Buche erinnert, mit dem ich jetzt mehr als ehedem, da Sie mich noch einen Ketzer nannten, bekannt bin.— Die Nachricht von Schiller's Verbindung mit Göthe freut mich ſehr; ich wünſchte an ihren lehrreichen Geſprächen theilnehmen zu können. Hierbei muß ich mir eine Frage erlauben. Iſt das Verhältniß zwiſchen Schiller und Fichte noch das nämliche wie es von Anfang an war und wie es noch im vorletzten Jahr war? Dieſe Frage wird Ihnen auffallen ꝛc. Mein Onkel und meine Schweſter ſind geſund; wohl kann ich nicht ſagen, denn hier iſt es nur wenigen Menſchen wohl, und dieſe wenigen dürften wohl nicht gut ſein. Beide freuen ſich Ihres Andenkens ꝛc. Ich grüße und umarme Schiller.
Ewig der Ihrige. Fiſchenich.
Schon im Jahr 1796, wie wir oben erwähnt, war die Aachener Central⸗Adminiſtration aufgelöſt worden. An ihre Stelle kamen zwei„Generaldirektionen,“ eine zu Aachen, die andre zu Koblenz. Aber auch dieſe wurden das Jahr darauf wieder aufgehoben, und an die Spitze der Verwaltung aller eroberten Lande rechts und links vom Rhein der dort commandirende Obergeneral Hoche geſtellt. Durch Dekret vom 18. März 1797 ſetzte dieſer zu Bonn eine Regierungsbehörde ein, Intermediär⸗Commiſſion genannt, aus fünf Mitgliedern beſtehend, von denen Shée den Vorſitz führte. Die bisherige Verwaltungsbehörde wurde ihrer Funktionen enthoben, die ehemaligen kurfürſtlichen Regierungscollegien, Gerichte, Magiſtrate hergeſtellt.
So trat denn auch Fiſchenich als Regierungsrath wieder in Thätigkeit. Aber— allzu wenig fügſam in das was ſeiner Ueberzeugung entgegen war, und den neuen Machthabern, den ſich vordrängenden Intri⸗ ganten von Grund ſeines Herzens abgeneigt— lange ſollte er nicht in dieſer Stellung bleiben. Auch durch Hoche ſelbſt und ſeine Drohungen ließ er ſich nicht ſchrecken.
Die erſten Jahre der franzöſiſchen Occupation, 1795 und 1796, waren vorübergegangen, ohne daß am Niederrhein die Beſtrebungen der Franzoſenfreunde irgendwie Boden gewannen; obwohl es an Verſuchen, an Aufreizungen nicht fehlte, namentlich auch Seitens des ehemaligen Mainzer Clubiſten Metternich und einiger Genoſſen desſelben. Anders ward es im Jahr 1797. Begünſtigt durch die Intermediär⸗Commiſſion zu Bonn, traten die im Lande zerſtreuten Franzoſenfreunde in nähere Verbindung; beabſichtigten, am Rhein eine an Frankreich ſich anſchließende ſogenannte cisrhenaniſche Republik nach dem Vorbild der cisalpiniſchen zu gründen, die in Italien durch Bonaparte herbeigeführt worden. Die Anhänger derſelben nannten ſich Patrioten oder auch Conföderirte; ihr Mittelpunkt war Koblenz. Hoche, der Obergeneral am Rhein, in Allem Bona⸗ parte's Rival, ſah mit Freuden der Verwirklichung ihres Plans entgegen. Nachdem die Friedensprälimina⸗ rien von Leoben unterzeichnet worden(18. April), konnte er, ferner nicht durch Feldzugspläne in Anſpruch genommen, um ſo mehr dieſe Angelegenheit im Auge halten.
Am wenigſten Anklang fand in Bonn die Idee der cisrhenaniſchen Republik, zu Hoche's nicht geringem Verdruß. Fiſchenich gedenkt in ſpätern Briefen an Charlotte dieſer Zeiten. Er erzählt:„Meine Abneigung gegen die entartete bis auf den Grund verdorbene Nation iſt zur Leidenſchaft geworden, und die ganz ver⸗ kehrten Grundſätze, die zur Tagesordnung geworden ſind, ſtreiten ſo ſehr mit meiner Denkart, daß ich bei


