Unser urkundliches Material lässt uns bei dieser Frage leider im Stich, denn über die 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts gehen die Urkunden nicht hinaus und laufen auch in den nächsten Jahrhunderten noch ziemlich spärlich. Nun hat man zur Lösung dieser Frage bekanntlich auch die Ortsnamen herangezogen, und in erster Linie war es W. Arnold, der in seinen Siedelungen und Wanderungen deutscher Stämme ganz bestimmte Gesetze autfstellte, indem er die Ortsnamen sprachlich nach Grund- und Bestimmungswort untersuchte und zu dem Resultat kam, dass die Namen auf-weiler,-ingen,- ungen,-hofen,-ach,-brunn,-beuren, -stätten,-wang speziell alamannisch, die auf-bach,-dorf,-feld,-heim,-hausen,-scheid dagegen fränkisch seien, und dass im Grundwort die Alamannen den Plural(städten,-felden), die Franken den Singular(-stadt,-feld) bevorzugten.
Von diesen Voraussetzungen ausgehend musste es Arnold bei seinen weiteren Unter- suchungen auffallen, wie der ganze Odenwald in monotoner Weise mit Namen besetzt ist, die meist als Ortsnamen in Althessen wiederkehren, augenscheinlich aber einer jüngeren Periode der Namenbildung angehören. Von alamannischen Namen weiss er nur Hochstädten, Beerfelden, Ober- und Unterkreidach ſdies mit Unrecht; der Ort heisst urkundlich(1287) Crutehe. In dem Grundwort-ach steckt nicht-aha,-ach= aqua, sondern ahd. ahi, mhd. ehe, nhd. ich, icht (vgl. Röhricht); letzteres bezeichnet eine Menge gleichartiger Dinge. Crut-ehe bedeutet demnach das Gereute, die Rodung.] Ober- und Unterabtsteinach, Heiligkreuzsteinach, Neckarsteinach und aus den östlichen Teilen des Odenwaldes Siedelsbrunn, Schönbrunn, Hainbrunn und Vielbrunn anzuführen. Diesen hätten wir allerdings nur noch wenige hinzuzufügen, nämlich auf-hofen: Ernsthofen, Allertshofen, Dilshofen, Frohnhofen, auf-ing: Hering und Billings(Billinger marca), ferner Spachbrücken, Eschollbrücken, Asselbrunn, Breitenbrunn und Bonsweiher(Panz- willer 1320), sodass ungefähr 180 fränkischen Ortsnamen nur 20 alamannische gegen- überständen..
Aber ein Schluss auf das Verhältniss von fränkischer zu alamannischer Bevölkerung lässt sich hieraus doch nicht ziehen.
Denn wenn auch zugegeben werden muss, dass jedem deutschen Stamme gewisse Wörter als wohlberechtigtes Stammeseigentum zugestanden werden müssen, oder dass solche, ursprüng- lich Allgemeingut, später je nach der Gegend eine charakteristische mundartliche Färbung erhalten haben, so sind doch sicherlich gerade die meisten von Arnold als speziell fränkisch angesprochenen Grundwörter bach, dorf, feld, heim, hausen allgemeine und urdeutsche Begriffe.
Wir sind demnach berechtigt, unter der scheinbar erdrückenden Anzahl von Ortsnamen, die Arnold als fränkisch bezeichnet, auch eine gute Anzahl alamannischer zu vermuten.
Aus den Ortsnamen einen Schluss auf die Verbreitung des fränkischen und alamannischen Hauses zu ziehen, ist jedenfalls unstatthaft.
Allerdings muss in einigen Dörfern mit alamannischem Namen, z. B. Hochstädten und Siedelsbrunn, und besonders in letzterem, die verhältnismässig grosse Anzahl rein oder fast rein alamannischer Hausanlagen auffallen. Mehr Dörfer mit alamannischem Namen von diesem Gesichtspunkt aus zu untersuchen, war mir bisher nicht möglich; vielleicht würde eine solche Untersuchung interessante und auch für die Arnoldsche Hypothese belangreiche Resultate zu Tage fördern.
Aus den oben erwähnten Gründen wäre es für unsere Untersuchung ohne jeden Zweck, ein vollständiges, nach den von Arnold gegebenen Gesichtspunkten geordnetes Verzeichnis aller


