— 9—
gegen die Alamannen persönlich mitmachte und als Augenzeuge höchste Glaubwürdigkeit bean- spruchen darf.(Vgl. Meitzen I, 431 f.) Aus seiner lebhaften Schilderung erfahren wir, wie Julian nach der Schlacht in der Gegend von Strassburg rheinabwärts fuhr und bei Mainz den Rhein überschritt, um die Barbaren unvermutet zu überfallen, wie diese dann über den Main eilten, um das Gebiet am Odenwald zu schützen, weil Julian von den Schiffen aus stromauf- und abwärts nach allen Seiten Einfälle in ihr Land machen liess. Die römischen Cohorten plünderten ihre zahlreichen, an Herden und Feldfrüchten reichen Dörfer, steckten sie in Brand und führten die Bewohner als Gefangene mit sich fort. Aber ein weiteres Vordringen in das Gebirge wurde ihnen unmöglich gemacht durch starke Verhaue, die von den Alamannen errichtet waren, um ihre Siedelungen im Gebirge und sich selbst zu schützen. Ferner berichtet Ammian, dass ihre Landgüter bereits sämtlich„mit grösserer Sorgfalt und nach römischer Sitte“ aufgeführt waren.
Dies ist etwa nicht so zu verstehen, dass sie eine Nachbildung der römischen villae gewesen wären, sondern dass sie bereits einen Grad der Vervollkommnung aufwiesen, den Ammian bei Barbaren nicht erwartet hatte. Aus seiner ganzen Darstellung können wir schliessen, dass bereits im 4. Jhd. nicht nur das Vorland, sondern das Gebirge selbst von den Alamannen bereits besiedelt war, wenn auch letzteres schwächer als die Ebene, und dass ferner die Anlage der Wohnungen schon einen grossen Fortschritt gemacht hatte, ja dass sich damals bereits eine besondere charakteristische Bauform ausgebildet hatte oder doch in der Ausbildung begriffen war.
Am Ende des 4. Jhd. werden die Alamannen in unserer Gegend zum Teil von den Burgunden verdrängt,— in welchem Umfange, lässt sich nicht mehr feststellen—, bis deren Herrschaft bereits 436 den Scharen der Hunnen erlag. Dass alle Alamannen aus dem von den Burgunden besetzten Gebiet zurückwichen, ist unwahrscheinlich, andererseits darf man wohl Arnold bei- stimmen, der annimmt, dass sie nach dem Abzug der Burgunden die alten, liebgewonnenen Sitze wieder aufsuchten und ungestört bewohnten bis zu dem entscheidenden Siege Chlodwigs im Jahre 496.
Nach diesem besetzten zuerst chattische Franken, d. h. Hessen, das von jenen bisher eingenommene Gebiet zwischen Rhein, Main, Neckar und Murg und besiedelten es nach der bei ihnen längst volkstümlichen Weise, indem Geschlechtern und Sippen das zu ihrem„Behufe“ notwendige Mass von Ackerland. resp. Rottland, und Wiesen, ihre Hufe, zugeteilt wurde, während Wald und Weide Gemeindeeigentum, Almende, blieben.
Dass bei dem Vordringen der Franken eine Rückwanderung der Alamannen stattfand, viele aber auch in ihren bisherigen Wohnsitzen zurückblieben, liegt in der Natur der Sache; ebenso ist es selbstverständlich, dass die Franken in erster Linie das von den Alamannen ver- lassene, bereits in Kultur genommene Gebiet und ihre Wohnstätten in Besitz nahmen. Neben dem volkstümlich besiedelten Gebiet bestanden aber noch ausgedehnte Strecken Ödlandes(solitudo, eremus), die die dorfmässigen Siedelungen von einander trennten.
Wir müssen uns den Odenwald demnach zu jener Zeit von alamannischen Weilern und Einzelhöfen und fränkischen Dörfern besiedelt denken und daneben noch ausgedehntes herren- loses Land, Odland, annehmen. 3
Lange kann aber diese Zeit der volkstümlichen Siedelung nicht gedauert haben; sie hörte sofort auf, als die chattischen Franken zugleich mit den Ripuariern dem grossen Franken- reiche Chlodwigs einverleibt wurden. Mit diesem Augenblick griff auch in diesen Gebieten die den salischen Franken eigentümliche Siedelungsform Platz, der der fränkische Staat seine Über- legenheit über die übrigen germanischen Stämme, seine Kraft, Grösse, weltgeschichtliche Stellung
2


