Aufsatz 
Entwicklungsgeschichte Hessen-Darmstadts. 1. Teil. Vom Tode Philipps des Großmütigen bis zur französischen Revolution
Entstehung
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dafür gegeben, dass in ihm jenes Gefühl für Zusammengehörigkeit der hessischen Linien nicht erloschen war. Allerdings hat er ein Streben für Selbständigkeit an den Tag gelegt, das den gross- väterlichen Anordnungen widerstrebte. Doch die Auflösung der von Philipp empfohlenen Gesamtverfassung war bereits eine un- abweisbare Notwendigkeit geworden. Denn ein Pfeiler um den andern, auf den sich die Vorrechte und das Uebergewicht von Hessen-Kassel stützten, war inzwischen gefallen. Wilhelm IV., der Befreier Philipps, der geschickte Diplomat, der allseitig anerkannte Regent, war gestorben; die Territorialverhältnisse waren gründlich geändert, Darmstadt hatte althessische Länder erworben, die Besitz- verhältnisse hatten sich ziemlich ausgeglichen. Auch unter einem andern Regenten wie Ludwig V. wäre wohl das Streben der Darmstädter Linie nach Selbständigkeit zu Tage getreten, ja man kann sagen, wie schon bemerkt, auch ohne den Streit um das Marburger Erbe wäre es einmal zum Konflikt gekommen. Dieser war eben unvermeidbar nach den Verhältnissen, wie sie sich ge- staltet hatten, und den Grundlagen, die Philipp der Grossmütige in religiöser und politischer Hinsicht gelegt hatte. Aber trotz dieser Gegensätze, trotz des bereits entbrannten Marburger Erbstreites war Ludwig V. anfänglich bemüht, die persönlichen Beziehungen zu Moritz aufrecht zu erhalten; aus Rücksicht auf das Gesamthaus Hessen hat er in wiederholten Schreiben seinen Vetter vor zweifel- haften ausländischen Verbindungen gewarnt(mit Heinrich IV., mit Holland und England), hat ihm von dem Eintritt in die Union abgeraten und ihn zur strengen Neutralität ermahnt(1620), als Moritz im Eifer für die pfälzische Sache dem heranrückenden Spinola die hessischen Pässe verlegen wollte. Erst als Moritz 1621 Ernst v. Halberstadt den Durchzug durch sein Land gestattet und es zu Ludwigs Gefangenschaft kam, erkalteten bei diesem begreif- licherweise die persönlichen Beziehungen. Aber man kann nicht behaupten, dass er vorher die politischen Fehler seines Vetters auszunützen gesucht hätte, um sich zu bereichern oder jenen gar zu Fall zu bringen. Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, dass Ludwig V. im weiteren Verlaufe des Streites Mittel ange- wendet hat, die wir nach unseren heutigen Begriffen für nicht ganz einwandfrei halten, die aber damals von Freund und Feind anstandslos in Wahrung der für berechtigt gehaltenen Interessen gleichermassen gebraucht wurden. 1⁸

Dass sich aber Ludwig V. als Lutheraner so entschieden auf die Seite des katholischen Kaisers stellte, erklärte sich einesteils aus der Situation im Reiche und gewissen Traditionen im hessi- schen Fürstenhaus; er suchte eben, wie die meisten Lutheraner (Sachsen) zu vermitteln zwischen den Anhängern des Kaisers strengster Gesinnung und seinen Gegnern, die dem Kaiser eine unumschränkte oberste richterliche Gewalt bestritten, damit ihm

7s W. M. Becker, Gesch. d. Univ. Giessen S. 208.