Charalte- ristile der
Landgrafen
Ludiig und Moritsz.
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Tatsächlich verschärfte sich der religiöse Gegensatz bei den Söhnen Wilhelms und Georgs. Moritz, in den Ideen des Kalvinismus erzogen, war in religiöser Hinsicht das Gegenteil von Ludwig, der nach dem Vorbilde des Vaters ganz der lutheri- schen Lehre zugetan war ⁵6. Das religiöse Bekenntnis bestimmte aber auch teilweise den politischen Standpunkt. So erklärt es sich, dass wir Moritz in den Reihen der Bewegungspartei, später der evangelischen Union finden und zwar als eines der eifrigsten Mitglieder; Ludwig hält es dagegen als unvereinbar mit den Pflichten eines Reichsfürsten gegen den Kaiser aufzutreten und wird in dieser Ansicht, wie ihm so leichtmütigen Herzens von gegne- rischer Seite vorgeworfen wird, nicht bloss von egoistischen Be- weggründen getrieben, etwa um sein Land zu vergrössern und sein Ansehen zu erhöhen, sondern aus überzeugtem Patriotismus und wirklicher Religiosität hält er an diesem Standpunkt fest. Gerade Moritz, sein Vetter ist es, der durch seine Verbindung mit Hein- rich IV., also mit Frankreich, dem alten Feinde Habsburgs, vor der er durch Ludwig so oft gewarnt war, eine noch schärfere Entfremdung der hessischen Häuser veranlasste. Dass schliesslich hierzu das Streben Hessen-Darmstadts zur Selbständigkeit in terri- torial-politischer Hinsicht wesentlich beigetragen hat, soll nicht geleugnet werden.
Zu alledem kam dann noch der Gegensatz der beiden Per- sönlichkeiten. Beide waren Enkel Philipps d. Grossm., in jedem ein Stück von ihm, aber fast nur die sich ausschliessenden Teile dieser umfassend angelegten Persönlichkeit.„Moritz war kühn im Entschluss, geistreich, aber geneigt anderen seine Mei- nung aufzudrängen, dabei von extremen Ratgebern beeinflusst; stürmisch, aber bald mutlos, oft unklar in seinen Zielen und sich in vielerlei Geschichten und Liebhabereien zersplitternd“. Ludwig dagegen war von seinem Vater zu ruhigem, bedächtigem Vorgehen in politischen und anderen Fragen erzogen, vor allem berechnend, zäh im Betreiben seiner Geschäfte und im Abwarten des günstigen Augenblicks, in Liebe und Hass ausdauernd. Die Idee der Gleich- berechtigung seines Hauses mit Kassel erfüllt ihn bis zu seinem Tode.„Der Darmstädter Ludwig hatte einen untrüglichen In- stinkt für das Mögliche und Nützliche, dem Kasseler Moritz schwebte etwas vor von ewig gültigen Prinzipien; er war ein Idealist: nach modernem Ausdruck Realpolitiker und Theoretiker. Ludwigs kühlere Natur vermochte zu atmen und sich zu regen im beharrlichsten Missgeschick: Moritz konnte man nur nieder- schmettern, Ludwig zog vor, sich zu beugen“(Schädel). So hat sich Ludwig, unverrückt seinen Weg weitergehend, oft wie mit verwundeten Gliedern, dennoch emporgewunden auf die steilste Höhe des Erfolges. Charaktere, die so verschieden angelegt waren, hätten auch ohne die Marburger Erbschaft sich nicht auf derselben
56 Rommel, HG. VI, 114.


