16
und 60 Eskadronen Kavallerie die feindlichen Linien an. Die tapfer verteidigte Stadt, aus der Marschall v. Villars unter Verkennung der Absichten der Verbündeten fast die Hälfte der Besatzung gezogen hatte, wurde nach kurzer Belagerung am 28. Juli genommen und auch die Citadelle der Festung, die sich noch einige Zeit wacker hielt, unterminiert und erobert. Der Kommandant Surville hatte es versäumt, das Ueberschwemmungsgebiet rechtzeitig unter Wasser zu setzen, und konnte sich nicht, als die Lebensmittel in Tournay schwanden, zu Zwangsmass- regeln wider die Bürger entschliessen. Dazu kam, dass die Stadt nur mit einfacher Wall- befestigung und altertümlichen Basteien umgeben war, während man die Citadelle erst kürzlich erbaut und nach bestem System verpanzert hatte. Hierher hatte sich Surville mit einem knappen Vorrat an Getreide zurückgezogen und hielt sich in tapferer Gegenwehr noch bis zum 1. September. ¹)
Während der Belagerung von Tournay traf den Prinzen und seinen Begleiter v. Gaillardy ein arges Missgeschick. Als dieser nämlich am 21. August seinen Herrn in die Laufgräben vor Tournay begleitet hatte, erbrach ein Lakai die Reisekasse des Landgrafen und stahl daraus über 1100 Gulden. Bei der Rückkehr am 23. August wurde der Diebstahl entdeckt, der Lakai in Arrest genommen und vor das holländische Kriegsgericht gestellt, das ihn zum Tode durch den Strang verurteilte. Das Geld hatte er in der Zwischenzeit im Hauptquartier zum grössten Teil verspielt und vertrunken.
Sobald man der Uebergabe von Tournay gewiss war, schwenkten 10 000 Mann unter der Führung des Prinzen Friedrich von Hessen-Kassel von dem Gros der Verbündeten ab, über- schritten die Schelde, um sich im Eilmarsch gegen die Haine zu wenden, deren Lauf die belgische Festung Mons mit dem französischen Grenzplatze Condé verbindet, und drohten dadurch dem französischen Marschall v. Villars in die Flanke zu fallen. Am 2. September suchte der hessische Prinz, dem sich Kasimir bald darauf als Freiwilliger anschloss, den Uebergang über die Haine zu erzwingen, wurde aber von den Franzosen zurückgewiesen. Trotzdem kehrte er nicht auf das linke Schelde-Ufer zurück, sondern empfing am 4. September eine Verstärkung von 40 Schwadronen, die bisher zur Bedeckung von Transporten verwendet worden waren. Bald folgte die Hauptarmee unter Marlborough und dem Prinzen Eugen auf demselben Wege, den die Vorhut eingeschlagen hatte. Nun war es auch den Franzosen klar, dass die gemeinsamen Anstrengungen der Einschliessung von Mons galten, die nur verhindert werden konnte, wenn die französische Armee den Gegner aufhielt und zur Annahme eines Kampfes zwang. 2²2)
So kam es zur berühmten Schlacht von Malplaquet, in der die Franzosen unter Villars von der Armee der Verbündeten geschlagen wurden. Die Schlacht war die blutigste des ganzen spanischen Erbfolgekrieges. Marschall v. Villars wurde selbst verwundet, und über 30 000 Tote und Verwundete deckten die Walstatt. Prinz Kasimir nahm persönlich am Kampfe teil und befand sich im heftigsten feindlichen Feuer. Zwei Pferde wurden ihm bei dem berühmten Reiterangriff unter dem Leibe erschossen und zwei andere, die Bediente ritten, verwundet. Er selbst erlitt eine leichte Quetschwunde an der Schulter. Unter seinen Dienern zeichnete sich durch Tapferkeit besonders der Jäger Schöffer aus, dem der Landgraf am nächsten Tage„wegen der Treue in der Bataille“ ein Geldgeschenk überwies. Die Franzosen hatten nach hartem Strausse das Schlachtfeld räumen müssen, und nun konnten die KAliierten ungehindert zur Um- schliessung von Mons schreiten. Die Belagerung kostete die Angreifer abermals einen beträcht- lichen Aufwand an Menschenleben, obwohl die Schwäche der Garnison die Verbündeten selbst von der Errichtung einer Cirkumvallationslinie hatte Abstand nehmen lassen. Die grössten Schwierigkeiten bereiteten ihnen das anhaltende Regenwetter und die aufgeweichten Wege, die
¹) Vgl. v. Noorden: Europ. Gesch. im 18. Jahrh. I., S. 517. ²) Villars' Schreiben an Ludwig XIV. vom 8. Sept. 1709, vgl. v. Noorden a. a. O., S. 525.


