11 legenheit und betrachteten sich den Park und die Herrlichkeiten von Versailles. Am nächst- folgenden Tage machten sie noch einmal der Herzogin von Orléans ihre Aufwartung, und Kasimir wandte sich in seiner Sache an den Staatsminister. Dieser versprach ihm goldene Berge; allerdings ohne im Ernste daran zu denken, auch nur das geringste davon zu halten, wie sich später zeigte. ¹)
Nur noch ein- oder zweimal suchten die beiden Prinzen während ihres Pariser Aufent- haltes die Herzogin von Orléans und den Hof zu Versailles auf. Bei einem dieser Besuche ward ihnen die seltsame Auszeichnung zu teil, dem Aufstehen des Königs beiwohnen zu dürfen. Mit einigen Vertrauten betraten die Prinzen das Schlafzimmer des Königs, der mit den Füssen aus dem Bette getreten war. Schuhe und Strümpfe wurden ihm angezogen, der Herzog von Orléans reichte ihm das Hemd, und währenddessen unterhielt sich Ludwig XIV. mit allen An- wesenden. Nachdem er vollständig angekleidet war, zogen sie sich allesamt zurück.
Dem Pariser Aufenthalte des Landgrafen Kasimir wurde ein jähes Ende durch den Be- fehl seines Vaters bereitet, über Strassburg nach Homburg zurückzukehren, weil er sich nicht wohl fühle und seinen Sohn vor seinem Ende noch zu sehen wünsche. Sparsamkeitsgründe mögen hierbei für den Entschluss des greisen Landgrafen mitbestimmend gewesen sein, sowie die Aussichtslosigkeit, dass sein Sohn mit seiner Mission am französischen Hofe durchdringe. So trennte sich Kasimir gegen Ende Juni von seinen Reisegefährten, die dann auch nicht lange mehr in Frankreich blieben, da der Vater des Weimarer Prinzen starb und sein Onkel ihn daraufhin zurückrief.
Zur Rückreise von Paris nach Strassburg bediente sich Prinz Kasimir einer Halbkutsche mit zwei Sitzplätzen, die Baron von Walbrunn in zuvorkommender Weise ihm zur Verfügung gestellt hatte. Anfangs ging alles gut, und der Prinz machte es sich im Wagen bequem; als aber sein Kammerdiener und Sekretär nicht mehr reiten konnten, war er gezwungen, mit ihnen abwechselnd zu tauschen. Die Reise nach der Heimat verlief, wie der Prinz berichtet, nicht ohne mancherlei Zwischenfälle. In Schlettstadt zwang der Postmeister die Reisenden, drei Pferde vor den Wagen zu spannen, obwohl dies fast eine Unmöglichkeit war. Kasimir wandte sich mit einer Beschwerde an den Gouverneur der Stadt, der sich auf eine Anordnung des Herzogs von Villars berief; doch wenn er ausserhalb des Platzes sei, könne er tun, was ihm beliebe. Der Prinz beherzigte diesen Ratschlag, und als er an der nächsten Poststelle wiederum
¹) Die Herzogin Elisabeth Charlotte erwähnt die Prozesssache des hessen-homburgischen Hauses wiederholt in ihren Briefen, indem sie zugleich bedauert, in der Angelegenheit nichts tun zu können. So schreibt sie von Versailles am 5. Jan. 1709 an ihre Schwester Luise v. d. Pfalz:„Ich wolte von grundt der seelen gern der landtgraffin von Homburg dinnen, aber ich kan es ohnmöglich, weill ihre sach gegen dem pfaltzgraffen von Zweybrücken, welcher eben nun hir ist; also würde es mir gar zu übel stehen, vor diesse Fürsten gegen einen von meinem hauss zu solicittiren. Hette sie ihre sach gegen einen andern hir gehabt, were es auch sein mögen, würde ich mein bestes vor sie gethan(haben), aber Ihr secht ja selber woll, dass es nicht möglich ist. Die arme Fürstin jammert mich, aber ich kann J. L. nicht helffen. Mein dochter hatt mir vor sie geschrieben, aber ich habe ihr eben geantwortet, wass ich hir sage. Mein dochter hatt mir ihre brieffe geschickt; weillen ich aber nichts guts zu andtwortten habe, deucht mir, dass es besser ist, nicht zu andtworten. Aber ich bitte Euch seyd so gutt undt schreibt ihnen, wie leydt es mir ist, ihnen nicht zu dinnen können! Gegen sie werde ich aber nicht sein. Ich finde gar nicht übel, dass Ihr vor diesse fürstin und graffin sprecht, contrarie, ich lobe Euch, erkandtlich zu sein.“
Am 12. Juli 1710 schreibt die Herzogin an ihre Schwester:„Hette sie(die Landgräfin v. Homburg) ahn einen Frantzossen zu fordern, würde ich mich gern dazu employirt haben, aber gegen den gutten graff von Hannau, den ich, so zu sagen, schir bey mir hir erzogen habe, undt ich habe auch seinen heuraht gemacht, kan also ohnmöglich gegen ihm bey dem König solcitiren. Alles, was ich zu ihren dinsten thun kann, ist, neüstre zu bleiben undt mich gantz nicht in die sach mischen.“..,
Vygl. Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans: Bibliothek des literarischen Vereins in Stutt- gart, 1871, Bd. III. 1*
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