Aufsatz 
Das Leben des Landgrafen Kasimir Wilhelm von Hessen-Homburg 1690-1726 : nach archivalischen Quellen dargestellt / von W. Hammann
Entstehung
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Empfang verlief nicht ohne ergötzlichen Zwischenfall. Da der Prinz von Weimar der franzö- sischen Sprache noch nicht hinlänglich mächtig war, betrat der Homburger Prinz als erster das Zimmer und machte im Vorwärtsschreiten seine Reverenz. Sein Begleiter aber staunend über die neue Welt, die sich vor seinen Blicken auftat, folgte dem Freunde zu rasch und trat ihm auf den rechten Absatz, so dass er ins Wanken kam und die Herzogin, welche sich eben- falls verneigte, mit seiner Allongeperücke über und über bepuderte. Man kann die Verlegen- heit des Prinzen leicht ermessen; doch die Herzogin ging mit einem Scherzwort über den Zwischenfall hinweg, und bald hatten die Prinzen ihre frühere Sicherheit wiedergefunden. Beim Abschiede forderte sie die Prinzen auf, zum Souper des Königs wiederzukommen, und versprach, sie Ludwig XIV. vorzustellen. Pünktlich stellten sich beide am Abend ein und wurden von einem der anwesenden Herzöge empfangen, der sie zur Herzogin von Orléans in den königlichen Speisesaal geleitete. Der König sass in der Mitte einer langen viereckigen Tafel, das Gesicht seinen Gemächern zugekehrt. Zu seiner Linken sassen die Gemahlin des Thronfolgers und die Herzogin von Orléans, zu seiner Rechten der Dauphin und der Herzog von Berry; der Herzog von Orléans befand sich an der Seite des Truchsessen ¹). Hinter den Sitzen der königlichen Personen standen zwei Reihen leerer Bänke für die Prinzessinnen und Hofdamen. Man führte die Prinzen nach der Mitte der Tafel an die linke Seite der Herzogin von Orléans. Diese begrüsste ihre Vettern freundlich, flüsterte dann einer der Hofdamen, der Herzogin von Ventadour²), etwas ins Ohr und bat die Prinzen, derselben zu folgen. Sie wurden dann in das prächtige Schlafgemach des Königs geführt, wo man sich mit ihnen sehr liebens- würdig bis zum Eintreffen des Königs nach beendetem Mahle unterhielt. Darauf begab man sich in das Vorzimmer, wo bereits das Gefolge des Herrschers wartete, der wenige Augenblicke später, die Herzogin von Orléans am Arme führend, den Saal betrat. Man gab den Prinzen ein Zeichen, die daraufhin näher traten und vondem Sonnenkönige begrüsst wurden. Lud- wig XIV. unterhielt sich längere Zeit sehr verbindlich mit den deutschen Fürstensöhnen und fragte unter anderem nach Einzelheiten aus dem Leben des greisen Vaters des Prinzen Kasimir, den er einst gut gekannt habe, und äusserte sich sehr anerkennend über ihn. Dadurch er- mutigt überreichte Kasimir dem König ein Handschreiben seines Vaters, das dieser gnädig an- nahm, indem er bemerkte, der Inhalt des Schreibens sei ihm bereits bekannt und er werde tun, was in seinen Kräften stehe. Der Prinz möge sich in fraglicher Angelegenheit nur an den Finanzminister Chamillart³) wenden. Mit einer Einladung des Königs an die beiden Freunde, sich die Sehenswürdigkeiten von Versailles anzusehen, und dem Versprechen, dass er Befehl geben werde, die Wasserkünste spielen zu lassen, endete die Unterhaltung. Da am nächsten Tage der spanische Gesandte diese Auszeichnung genoss, benutzten die Freunde die gute Ge-

¹) Die Herzogin von Orléans schreibt aus dem gleichen Jahre, am 3. Februar 1707, über die Mahlzeiten an ihre Schwester Amalie Elisabeth zu Hannover:

Ich esse das gantze Jahr durch zu mittag muttersallein, eyle mich, so viel möglich; den es ist verdriess- lich, allein zu essen... esse derohalben in weniger zeit alss eine halbe stundt. Nachts esse ich mitt dem könig; da sindt wir 5 oder secks ahn taffel, jedes ist vor sich weg wie in einem closter, ohne ein wordt zu sagen, alss ein par wordt heimblich ahn seinem Nachbar.

Vgl. Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte: Bibliothek des literarischen Vereins zu Stuttgart 1871, Bd. III.

²) Elisabeth Charlotte erwähnt die Herzogin von Ventadour wiederholt in ihren Briefen. So schreibt sie am 21. Sept. 1704:Diesse dame ist meine dame d'honneur gewehsen. Sie ist die erste duchesse von Frank- reich.. Sie ist sambt ihrer Mutter Kinderhoffmeisterin des enfants de France; dahs ist gar eine grohse charge dey hoff; aber ich sehe wohl, dahs Ihr wenig von dem handel hir wist. a. a. O. S. 357.

³) Michel Chamillart wurde nach der Enthebung des Grafen Pontchartrain(1699) der Finanz- und Kriegs- minister Ludwigs XIV. Bei seinem Rücktritt im Sommer 1708 stand Frankreich infolge einer ungeheueren,

Schuldenlast vor dem Staatsbankrott. Vgl. v. Noorden: Europ. Gesch. i. 18. Jahrh. I.;, S. 78 ff.