II. Die Erderschütterung vom 6. März 1872 in Cassel.
Cassel, Provinzialhauptstadt von Hessen-Nassau, liegt zu beiden Seiten der Fulda, theils auf den östlichen Abhängen zweier Muschelkalkhügel, des Weinbergs und Kratzenbergs, die durch eine flache Mulde getrennt sind, theils, und besonders im Osten, Nordosten und Norden auf alluvialen Lehmmassen, die jenseits der der Fulda von links zugehenden Ahna von dem Südende des Braunkohlen führenden Mönchebergs begrenzt werden. Es besteht daher der Untergrund der Stadt, wo keine künstlichen Aufschüttungen stattgefunden haben, wesentlich aus Lehm, mürben Thonmergeln und Wellenkalk. An jenem Mittwoch Nach- mittag war warmes Sonnenscheinwetter 12 ⁰°% bis 13°R., schwacher Südwind und das Barometer zeigte gegen 4 Uhr 27“ 8, 9. Der Schreiber dieser Zeilen trat, auf einem Stuhl in seiner Wohnung frei sitzend(das Haus liegt auf der rechten Uferseite der Fulda im Alluvialterrain, die Wohnung befindet sich im zweiten Stockwerk), in die schaukelnde Bewegung ein; er hatte nicht das Bedürfniss, sich an dem vor ihm stehenden Tische fest- zuhalten. Eine Zeitbestimmung mit astronomischer Genauigkeit zu machen, erlaubten die betreffenden Uhren nicht. Sie ergaben 3 Uhr 41 Minuten. Während des einige Secunden dauernden Schaukelns wurde nicht das geringste Geräusch wahrgenommen. Andern Tags wurden sofort unter den Schülern der Realschule I. Ordnung Erhebungen angestellt aus denen sich ergab, dass nur 8 bis 9 Procent derselben etwas verspürt hatten. Die Berichte einiger Secundaner, die in der Schule Donnerstag, den 7. März, zwischen 8 und 9 Uhr Morgens geschrieben sind, ohne dass zuvor eine Beeinflussung durch fremde Nachrichten stattgefunden hatte, mögen hier ihren Platz finden
„Gestern Mittag, 2 Minuten vor 14 Uhr, empfand ich einzelne starke Stösse, ungefähr 3. Der Spiegel, welcher an der Nordseite der Stube angebracht ist, bewegte sich nach vorn, so dass ich hinlief, um ihn festzuhalten. Ich befand mich in der ersten Etage und glaubte Anfangs, ein Fortbewegen von Kisten im Keller wäre die Ursache. Auch in der zweiten und dritten Etage wurden Wahrnehmungen gemacht, jedoch nicht im Parterre. Das Haus ist drei Stock hoch, aus Backsteinen und steht auf Lehmboden Bahnhofs- strasse 15.“ Hs.
„Es mochte ungefähr ¼ auf 4 Uhr sein, eine genauere Zeitangabe ist nicht möglich; ein eigentliches Wanken war nicht zu bemerken, sondern es war, als ob ein Wagen vorbei- führe. Das Geräusch schien von der Strasse zu kommen. Ein Magnet von ungefähr 4 bis 5 Loth Eigengewicht, der 1 ¾¼ Pfund, also fast das Maximalgewicht, trug, liess seine Last fallen. Das Haus(Mönchebergerstrasse) ist aus Backsteinen erbaut und steht auf steinigem Grund. Die Keller sind 7 bis 8 Fuss tief.“ v. D.
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