32 Da ſpricht er in der Abenddämmerung den ſehnſüchtigen, kindlichen Wunſch aus: „Wie ins dunkle Dickicht ſchweben Vöglein nach dem Frühlingstage, Süß befriedigt, ohne Klage, Möcht' ich ſcheiden aus dem Leben! Einmal nur, bevor mir's nachtet, An den Quell der Liebe ſinken, Einmal nur die Wonne trinken, Der die Seele zugeſchmachtet, Wie vor Nacht zur Flut ſich neigen Dort des Waldes durſt'ge Sänger; Gern dann ſchlief' ich, tiefer, länger, Als die Vöglein in den Zweigen.“ Friſcher Waldesduft weht uns an aus Strophen wie: Hier quillt die träumeriſche, Urjugendliche Friſche, In ahnungsvoller Hülle Die ganze Lebensfülle. Es rauſchet, wie ein Träumen, Von Liedern in den Bäumen, Und mit den Wellen ziehen Verhüllte Melodien. Im Herzen wird es helle, Und heim zum ew'gen Quelle Der Jugend darfſt du ſinken, Dich friſch und ſelig trinken.“„
Mit dieſem ſchönen Liede wollen wir Abſchied von dem Dichter nehmen. Unter einem Baume ſitzend dichtet er ſeine„Waldlieder,“ indem er wie Merlin dem Sange der Vögel lauſcht: ein lieb⸗ licheres Bild aus Lenaus Leben finden wir kaum.“
Rührend iſt es, daß Lenau während ſeiner Geiſteskrankheit an ſeinem Dichtertalent verzweifelte, daß er ſchmerzvoll klagte:„Ich werde dahin ſein, vergeſſen. Kaum ein paar lyriſche Sachen von mir ſind gut. Ich ſehe jetzt in alles und weiß, was ich gefehlt habe. Ich war unglücklich in Wahl meiner Stoffe. Ich werde nicht bleiben.“ ¹)
Das deutſche Volk hat Gottlob! anders geurtheilt als der Dichter und einige abſprechende Literarhiſtoriker. Vilmars kühle Worte, daß Lenaus Lyrik viel mehr durch die Gunſt des Augenblicks als durch inneren Werth getragen worden, iſt durch die wachſende Auflage ſeiner Gedichte längſt widerlegt. So lange der gerade dem deutſchen Volke ſo tief im Herzen wohnende Sinn für die Schönheiten der Natur nicht erſtirbt, ſo lange werden auch Lenaus Lieder leben. Noch viele Tauſende werden aus ihnen, wie aus einem ſprudelnden Waldquell, immer neue Erfriſchung des Geiſtes und Gemütes ſchöpfen und ihren lebensvollen Klängen lauſchend in den unverſiegbaren, ewigen Quell der Natur ſich immer tiefer verſenken.
¹) Emma Niendorf a. a. O. S. 258.


