Aufsatz 
Zur Methode des französischen Unterrichts / von Kühn
Entstehung
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nicht mehr die Landplage der Schüler wären, durch die sie sich mühsam durcharbeiten müssen, um am Ende das vergessen zu haben, was am Anfang und in der Mitte dagewesen ist. Sollen denn diese Einzelheiten gar nicht vorkommen? wird mancher fragen. Gewilſs sollen sie das, aber nicht in der Lektion der Grammatik, wo jede Anschauung fehlt(denn das kurze abgerissene Sätzchen bietet dieselbe nicht), sondern im französischen Lesestück. Denke man sich, ein Lehrer wolle Geographie lehren ohne einen Atlas, ohne jegliche Anschauung, nur aus dem Daniel oder einem sonstigen Lehrbuch. Das ist unmöglich, sagt jeder Lehrer. Gewiſs, aber im Sprach- unterricht geschieht es. In der Geographie wird neuerdings sogar noch mehr gefordert: Der Lehrer soll das Land in groſsen Zügen an die Tafel zeichnen, Reliefkarten sollen die Anschauung vermehren, die Schüler sollen auf der Karte Entfernungen abschätzen lernen; kurz überall wird der Anschauung zu ihrem Recht verholfen. Vielleicht kommen wir auch in der Sprache noch dazu, dals nicht jedes Französisch- oder Englischsprechen in der Schule als unwissenschaftlich hingestellt wird. Ich meine also, die Einzelheiten können in folgender Weise vom Lehrer behandelt werden: In den Lesestücken kommen bald Verba vor, die mit dem Accusativ verbunden werden, wo im Deutschen der Dativ oder eine andere Konstruktion steht. Das Wort wird von den Schülern mit seiner Konstruktion gelernt, was um so leichter ist, da es in einem französischen Zusammenhang vorkommt. Es kommen bald andere hinzu. Jedesmal, wenn ein solches Verb neu hinzukommt, werden die früheren wieder aufgezählt. Auf diese Weise sind die gebräuch- lichsten derartigen Verben bald gelernt, jedenfalls lange bevor in der Schulgrammatik Lekt. 77 an die Reihe kommt. Damit die verschiedenen grammatischen Erscheinungen, welche an der Hand des Lesebuchs gelernt werden, nicht die jugendlichen Köpfe verwirren, werden sie vom Lehrer erklärt und zusammengefaſst oder geschieden. Dieser ist da allerdings meist die lebendige Grammatik.

Meine Ausführungen fasse ich in folgende Punkte zusammen:

I. Eine gründliche Reform unseres französischen Unterrichts thut not. Derselbe mufs die lebendige Sprache lehren.

II. Das erste Erfordernis dazu ist, dals dem Unterricht eine wirkliche Lautlehre zu Grunde gelegt wird; das System der Sprachlaute lehnt sich in einfacher Weise an die mensch- lichen Sprachorgane an. Die bisherigen Ausspracheregeln sind als unnützer und verwirrender Ballast zu beseitigen. Durch die Lautlehre werden die Schüler zunächst über die Natur der Laute orientiert; sie lernen dieselben richtig nachsprechen. Die Befestigung der fremden Laute geschieht durch Auswendiglernen der ersten Lesestücke. Mit unerbittlicher Strenge mufs der Lehrer alle falschen und unbestimmten Laute zurückweisen.

III. Der weitere Unterricht schlielst sich an ein Lesebuch an, damit der Schüler eine Anschauung von der zu erlernenden Sprache bekommt und sein Wissen sich nicht ferner darauf beschränkt, einige grammatische Regeln und Formen notdürftig anzuwenden.

IV. Dem Lesebuch mufs ein Wörterverzeichnis beigegeben werden, das zugleich eine Pphonetisch genaue Bezeichnung der Laute gibt, aus denen jedes Wort besteht. So kann der Lernende bei neu vorkommenden Wörtern sich zu Hause Rat holen: er ist nicht dem Zufall des Erratens preisgegeben und nicht der Gefahr ausgesetzt, das fremde Wort erst in falscher Gestalt in sich aufzunehmen, um dann mit vieler Mühe zur richtigen zu gelangen.

V. Das Lesebuch selbst mufs einen für Jung und Alt anziehenden Stoff in guter Form bieten. Fabeln, gute Anekdoten, Sagen, Märchen u. ä. eignen sich am besten für den Anfang.