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Unzählig ſind die ſtiliſtiſchen Variationen, in welchen der Lateiner durch den
Gebrauch des Wortes multus dem Götzen der Quantität opfert.
Anſtößig iſt für uns namentlich die Berbindung des multus mit einem ſingula⸗ riſchen Subſtantivum. Wollen wir den Begriff der Menge beibehalten, ſo kann dies nur geſchehen durch die in der Regel auch logiſch richtigere Verwandlung des Adj. in eine adverbialiſche Redensart oder ein Subſtantivum. So iſt multa rosa eine Fülle von Roſen, multus homo ein Menſch, welcher uns durch allzuhäufige Beſuche lang⸗ weilt, multa opinio eine vielfach geäußerte Meinung, multa nox eine Nacht, die ſchon ſeit mehreren Stunden angebrochen iſt, alſo eine tiefe Nacht, multa virtus eine oft bewährte Tugend, plurima cervix ein aus vielen Fleiſchtheilen beſtehender, alſo feiſter Nacken, multus orator ein mit vielen Worten wenig ſagender, alſo weitſchweifiger Redner. Oft müſſen wir die Reminiscenz an die Grundbedeutung des Wortes ganz fallen laſſen und z. B. Multum vale überſetzen mit: Leb recht wohl. Multum lumen iſt ein helles Licht, plurimus sol eine glühende Sonne, multum numen eine mächtige Gottheit.
Im Widerſpruch mit dem habgierigen Nationalcharakter der Römer, denen das Nehmen ungleich ſeliger erſchien als das Geben, iſt die Herrſchaft des Wortes
dare eine ungemein ausgedehnte und umfaßt die verſchiedenſten Anſchauungen. Da die betreffenden Phraſen bei faſt allen Autoren maſſenweiſe vorkommen, ſo bedarf es hier nur einer kurzen Hindeutung auf die mannigfaltigen Nuancen der Grundbedeutung. Jeder Quartaner, der zum erſten Mal mit den Elementen der Caſuslehre Bekannt⸗ ſchaft gemacht hat, weiß, daß er den Satz:„Meine Faulheit wird mir zur Schande angerechnet“, wiedergeben kann durch: Pigritia mea mihi opprobrio datur.— In zahlloſen Wendungen ſteht das farbloſe dare in dem Sinn des Vonſichgebens, Erzeu⸗ gen's, Veranlaſſen's. Hierher gehört z. B. epistolem dare, einen Brief verfaſſen, modos canoros dare, melodiſche Weiſen ertönen laſſen; animam edere die Seele aushauchen; flores edere, Blumen hervorſprießen laſſen. Der Begriff des Veran⸗ laſſens wird repräſentirt durch Redensarten wie: Stragem dare, caedem edere u. ſ. w.
Ferner vertritt das Simplex dare die Stelle unſeres Sichwohinbegebens in den Ausdrücken: Se tecto dedit, te in bella dedisti. Als tranfitive Ergänzung dazu können betrachtet werden die Phraſen: aliquem in fugam dare. Jemanden in die Flucht ſchlagen, ad terram dare, auf die Erde werfen, in partes dare in Stücke zerreißen. Sogar für die holde Situation zärtlicher Umſchlingung ſteht bei Horaz das matte circumdare brachia collo, brachia cervici dare.
Der Gebrauch von
Habere fällt uns als matt beſonders in zwei Fällen auf, einmal, wenn es für Beſitzergreifung


