Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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Auch bei Verbindung des m. mit abſtrakten Objekten ſehen wir uns oft in die Nothwendigkeit verſetzt, den lateiniſchen Ausdruck durch einen ſtärkeren deutſchen zu erſetzen. Pacem imminuere(Salluſt) iſt unſer: den Frieden ſtören, bellum imm. (Cicero) den Krieg einſchränken, controversias m.(Cäſar) Streitigkeiten beilegen. Opinio minuenda est(Cicero) die Meinung iſt zu beſeitigen.

Dieſe Beiſpiele werden genügen, um auf eine Provinz der lateiniſchen Phraſe⸗ ologie hinzuweiſen, aus der unzählige Waffen zu gewinnen ſind für Bekämpfung des Dogma's von der unverhältnißmäßig geringeren Anſchaulichkeit der deutſchen Sprache.

Sehr charakteriſtiſch für das Preſtige der Quantität im Geiſte des römiſchen Volkes iſt der bekannte, beliebte Gebrauch von

Magnus, multus, amplus, vastus.

Am wenigſten auffällig ſind diejenigen Stellen, wo wir dem lateiniſchen Aus⸗ druck einen deutſchen ſubſtituiren müſſen, der ebenfalls ein räumliches Verhältniß nur etwas anderer Art ſubſtituirt. So iſt amplissimus dies unſer längſter Tag, amplis- sima pecunia ſehr viel Geld; doch könnten wir im letzteren Fall dem Lateiniſchen ziemlich nahe kommen durch die Ueberſetzung: Ausgedehnte Geldmittel.

Anſtößiger iſt uns die Anwendung von amplus in allen den Stellen, wo es den Begriff der Kraft vertreten ſoll; z. B. vires amplae, irae ampliores; ſtärkere Zornesausbrüche, amplificare sonum, den Ton verſtärken. In zahlreichen Phraſen wird das Wort zur Bezeichuung der Würde und Vornehmheit gebraucht, in Folge eines voreiligen Schluſſes vom Umfang auf den Inhalt, eines Schluſſes, der ſo man⸗ chen Träger einer unſcheinbaren Geſtalt grauſam benachtheiligt. So erſcheint die amplitudo des Römer's oft als gleichberechtigt in der reſpektabeln Geſellſchaft von majestas, auctoritas, splendor, gloria und andern erhabenen Worten. Daher wurde amplissimus als Titel gebraucht, der etwa unſerer Excellenz entſprach. Hierher ge⸗ hört auch die Phraſe amplissimo genere natus, von erlauchter Abkunft. Demnach kann es nicht auffalleu, wenn das Wort amplus auch für unſer: glänzend gebraucht wird, z. B. in Verbindung mit munus, triumphus, donum, praemium.

Der Römer hatte allerdings nur zu viel Grund, den Begriff der amplitudo zu honoriren; denn er konnte auf den äußern Umfang ſeiner Herrſchaft ſtolzer ſein als auf die Beſchaffenheit derſelben und die Mittel, wodurch ſie gewonnen wurde. Im Gegenſatz dazu findet es der deutſche Profeſſor Lichtenberg weniger wichtig, ob in einem Staate die Sonne nicht untergeht, als was ſie in ihrem Lauf daſelbſt zu ſehen bekommt.

Eine große oder ungeheure Hand macht auf uns nicht wie die magna oder ingens manus auf den Lateiner den Eindruck des Erhabenen, ſondern den des Un⸗ geſchickten. Wir ſubſtituiren dafür das Attribut„gewaltig“. Magna vox iſt eine laute Stimme, umgekehrt sonus exiguus ein leiſer Ton; certamen vastum, ein heißer Kampf, impetus vastus ein heftiger Angriff.