Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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Das Compoſitum imbibere wird nicht nur wie in der ciceronianiſchen Stelle: Nisi de vobis malam opinionem animo imbibisset auf intellektuelles Aufnehmen ſondern auch auf den Bereich des Willens übertragen und bedeutet dann ſoviel als Sichetwasvornehmen, einen Entſchluß faſſen. Z. B.: Quod si farere nolit atque imbiberit ejusmodi rationibus illum ad suas condiciones perducere.(Cic. Quint. 27.)

Dem urſprünglich auf conſiſtente Nahrung bezüglichen vesci ſubſtituiren wir das allgemeine Genießen oder das feinere Trinken an Stellen wie Vergil. Aen. I, 546: Aura aetheria vescitur, was an die Worte Schiller's erinnert:

„Bis der Gott des Irdiſchen entkleidet „Flammend ſich vom Menſchen ſcheidet „Und des Aether's leichte Lüfte trinkt.“

Gehen wir von der verzehrenden zur phonetiſchen Beſtimmung der Mundorgane über, ſo tritt uns auch hier der derbe Geſchmack der lateiniſchen Sprache in der häu⸗ figen Uebertragung der Verba 3

Mugire und Remugire auf elementare und menſchliche Verhältniſſe entgegen.

Wir ſprechen wohl vom Gebrüll der Kanonen, allenfalls auch des Donners, obwohl hier ſchon der ſchuldige Reſpekt gegen den, deſſen Stimme der Donner ge⸗ nannt wird, den letzteren Ausdruck gewagt erſcheinen läßt. Die Stelle des Vergil: (Aen. IX, 514) Sequitur clamor coelumque remugit wörtlich zu überſetzen: Darauf folgt Geſchrei, und der Himmel brüllt es zurück, würde einem deutſchen Publikum lächerlich erſcheinen, um ſo mehr als das beſtialiſche Bild in häßlichem Contraſt ſteht zu dem matten Ausdruck der erſten Vershälfte: Es folgt Geſchrei, wofür wir lebendiger etwa ſagen müſſen: Lauter Schlachtruf giebt die Antwort, und der Himmel hallt ihn wieder. Ebenſo widerſtrebt es unſerem Gefühl, das Brüllen den Wäldern(Hor. Carm. III, 10, 6; Vergil. Aen. XII, 722), Meerbuſen(Hor. Epod. X, 19), Bergen(Vergil. Aen. XII, 928; III, 674), Maſtbäumen(Hor. Carm. III, 24, 57), Thüren(Stat. Theb. X, 263; Hor. Carm. III, 10, 5), ſogar dem Dreifuß des Apollo(Verg. Aen. III, 92) und muſikaliſchen Inſtrumenten zuge⸗ ſchrieben zu ſehn.(Verg. Aen. VIII, 526; Catull. LXIII, 29.)

Die unartikulirten Expektorationen kleiner Kinder und erwachſener Rüpel belegen auch wir mit einem vom Rindvieh entlehnten phonetiſchen Ausdruck. Der Lateiner überträgt das mugire auf Menſchen ohne damit irgend ein tadelndes Urtheil zu ver⸗ binden. So heißt es von einer ehrwürdigen Sibylle(Verg. Aen. VI, 99): Antro remugit. Ueberhaupt fehlte dem klaſſiſchen Alterthum die hochmüthige Ueberhebung, mit welcher die moderne Welt, vielleicht nach dem Vorgang des in mancher Beziehung wenig humanen Verfaſſers der Geneſis auf die Thierwelt herabſieht und ſogar dieje⸗ nigen Akte, die wir leider mit allen animaliſchen Weſen gemein haben, bei den Thie⸗ ren durch andere, weniger vornehme Wörter bezeichnet als bei den Menſchen. So