Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 15—

Im tropiſchen Gebrauch der Ausdrücke des Verſchlingens ſtimmen beide Sprachen meiſtens überein, beide brauchen die betreffenden Wörter zur Bezeichnung eines eif⸗ rigen intellektuellen und muſikaliſchen Genuſſes von Reden, Büchern, Tönen, ſowie vom Hinunterſchlucken unangenehmer Gemüthsbewegungen.

Auffallend iſt die bei Ov. Fast. 845 und Metam. XIII, 540 vorkommende Phraſe: lacrimas introrsus obortas devorat; eigenthümlich auch der Ausdruck devo- rare orationem, wenn es kein eifriges, ſondern unverſtandenes, unverdautes Anhören der Rede bezeichnen ſoll. So bei Cicero Brut. 283: JItaque ejus oratio nimia religione attenuata doctis et attente audientibus erat illustris; a multitudine autem et a foro, cui nata eloquentia est, devorabatur.

Die bildliche Anwendung des haurire im Sinn unſeres Schöpfens, Inſichauf⸗ nehmens, Verſchlingens ſtimmt im Ganzen mit dem deutſchen Sprachgebrauch über⸗ ein; doch iſt in manchen Fällen eine wörtliche Ueberſetzung nicht möglich. Redens⸗ arten wie supplicia haurire, plus laboris haurire involviren eine undeutſche Vor⸗ ſtellung. Vielleicht iſt es eine unwillkührliche Erinnerung an die urſprüngliche Be⸗ ziehung des Wortes auf flüſſige Gegenſtände, was uns Deutſche veranlaßt, zwar Hoffnung, Erholung und Troſt, aber nicht Arbeit, Mühe und Strafe zu ſchöpfen.

Auch die Uebertragungen des Wortes bibere auf intellektuelle Verhältniſſe laſſen ſich im Deutſchen größtentheils ohne Schwierigkeit wiedergeben. So entſpricht dem häufig vorkommenden auribus bibere die Stelle in Göthe's Iphigenie:

„Es klingt ſo ſchön, was unſre Väter thaten, „Wenn es in ſtillen Abendſchatten ruhend „Der Jüngling mit dem Ton der Harfe ſchlürft.“

Weniger in dem bibere als im ganzen Ausdruck liegt etwas Befremdendes, wenn es bei Vergil(Aen. I, 749) heißt: Dido longum bibebat amorem. Hier können wir freilich nicht ganz wörtlich überſetzen: Dido trank die lange Liebe; aber mit Verwandlung des ſtörenden Adjektivums in eine adverbialiſche Redensart läßt ſich ſagen: Dido trank den Trank der Liebe in langen, durſtigen Zügen. In der Stelle

des Statius(Achill. 353): Totisque bibit ossibus ignem wird die Beibehaltung des Bildes erſchwert durch die oben erwähnte etwas maſſive Liebhaberei der lateini⸗ ſchen Sprache, die Knochen als Symbol der Innerlichkeit des Gefühls zu gebrau⸗ chen. Es ließe ſich etwa ſagen: Er ſog das Feuer in alle Adern. In der folgenden Stelle des Claudianus(Nupt. Hon. et Mar. 231.): Maternos bibit mores exempla- que discit prisca pudicitiae müſſen wir das Bild fallen laſſen und etwa überſetzen: Sie nimmt den Sinn der Mutter in ſich auf. Aehnlich Sen. ep. 94: Haec cum persuasisset, perbibi. In Cicero's Tuscul III, 2; Ut paene cum lacte nutricis errorem suxisse videamus iſt der Tropus durch das hinzugeſetzte cum lacte noch beſonders motivirt. 4