Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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Dem morgdere ſchließt ſich am Beſten das lacerare und dilacerare an, obwohl die Operation des Zerfleiſchens und Zerreißens nicht nothwendig mit den Zähnen zu geſchehen braucht, ſondern auch die Krallen, reſp. Hände dazu genommen werden können.

Von der Zerreißung thieriſcher Körper wird das Wort zunächſt auf unorganiſche Gegenſtände übertragen und bedeutet in der Verbindung mit Objekten wie pecuniam, bona patria und ähnlichen ſoviel wie unſer„Verſchleudern“ oder auch allenfalls „Zerſtückeln“, um der Grundbedeutung doch einigermaßen gerecht zu werden. z. B.: Quicunque bona patria manu ventre, pene laceraverat(Sall. Cat. 14).

Si funus id habendum sit quo non amici conveniunt ad exequias cohones- tandas sed bonorum emtores ut carnifices ad reliquias vitae lacerandas et distrahendas,(Cic. pro Qunict. 50).

Hane pecuniam tantum sic abs te laceratam esse dico.(Cic. Verr. B. III, 164).

Viscera nostra, tuae dilacerantur opes(Ovid. Her. I, 90).

Bei der Verbindung des Wortes lacerare mit den Objekten rempublicam, patriam, terram liegt wohl eine Perſonifikation zu Grunde, ſo auch in dem Aus⸗ druck: Athenae laceratae(Cic. in Pis. 96). Kühner iſt die bei Plautus vorkom⸗ mende Perſonifikation: diem lacerare, den Tag todtſchlagen.

Wird lacerare mit einem Ausdruck der Gemüthsbewegung verbunden und auf perſönliche Subſtantiva oder den betreffenden Theil einer Perſon z. B. animus, mens bezogen, ſo entſpricht es unſerem ſchwächeren„Aufreiben“. z. B. Meus me maeror quotidie lacerat et conficit(Cic. ad Att. III, 8). Ut corpora verberibus, ita animus libidine dilaceretur.(Tacit ann. VI, 6.)

Wenn es nicht in der Macht Jemandes ſteht, ſeinen Feind ganz eigentlich und körperlich zu zerfleiſchen, und er die Perſon ſelbſt leider leben laſſen muß, ſo entſchä⸗ digt er ſich dafür häufig am Namen deſſelben und ſucht ihn, wie wir uns ausdrücken, herunterzureißen oder ſchlechtzumachen. Dieſe Species erſetzt, was ihr an blutiger Wirkung abgeht, durch die größere Gefahrloſigkeit, ſowie durch den Vortheil, daß ſie bis in das ſpäteſte Alter fortgeſetzt und wenn auch die Zähne ausgefallen oder ſtumpf geworden ſind, durch die dauerhaftere Zunge mit Erfolg weiter geführt werden kann. Hierher gehören z. B. folgende Stellen:

Invidia quae solet lacerare plerosque(Cic. Br. 156.)

Quum verborum contumeliis optimum virum incesto ore lacerasset.(Cic. Phil. 11, 5.)

Aliquem probris laerars Liv. XXX, Cap. 6.

Famam lacerare(Liv. XXXVIII, 541.)

Carmina lacerare.(Ovid. Trist. IV, 16, 1.)

Nero vulgi rumore lacerabatur, propter invidiam plerosque extinxisse. (Tacit. Ann. XV, 73.)