Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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gewiſſe äſthetiſch bedenkliche Vorliebe der Lateiner für den tropiſchen Gebrauch der Worte Mordere, lacerare, lambere, vorare, haurire, esse, bibere

und ähnlicher Ausdrücke in die Augen. Was zunächſt das Verbum lambere betrifft, ſo erweckt die Perſonifikation des Fluſſes, der bei Horaz Carm. I, 22, 9 die Ufer leckt, eine unſchöne Vorſtellung. Von dem entgegengeſetzten Elemente der Flammen brau⸗ chen wir dasſelbe Bild, durch die züngelnde Geſtalt derſelben dazu veranlaßt. Dage⸗ gen muß zur Ehre der lateiniſchen Sprache und des in derſelben ſich manifeſtirenden römiſchen Nationalcharakters hier angemerkt werden, daß es in derſelben kein Analo⸗ gon giebt für die ſymboliſche Bedeutung des Leckens als eines ekelhaften Grades hün⸗ diſcher Schmeichelei und die hierauf bezüglichen groben Schimpfwörter alsSpeichel⸗ lecker und ähnliche Compoſita, einer noch ſchlimmeren Redensart ganz zu geſchweigen, welche zwar durch die erſte Ausgabe von Goethe's Götz von Berlichingen den Stem⸗ pel der Claſſicität erlangt hat, aber in einem Aufſatz über äſthetiſche Gegenſtände nicht wohl genannt werden darf.

Der wölfiſche Zug im Nationalcharakter der Römer zeigt ſich recht deutlich in der ungemein häufigen Uebertragung des thieriſchen mordere auf menſchliche, abſtrakte und elementare Verhältniſſe. Zwar ganz fehlt uns Deutſchen bekanntlich die Verbin⸗ dung des Wortesbeißen ſowohl mit ſolchen körperlichen Gegenſtänden, die keine Zähne haben als mit abſtrakten keineswegs; auch wir ſprechen vom Rauch, der in die Augen beißt, ſowie von beißendem Spott, Gewiſſensbiſſen und Aehnlichem, ſchon ſchwächer ſind unſere nagenden Sorgen als die curae mordaces des Lateiners; aber ſelbſt das Nagen iſt ein faſt zu ſtarker Ausdruck für die Ueberſetzung des lateiniſchen mordet in den Worten des Horaz: Rura quae Liris quieta mordet aqua tacitur- nus amnis(Carm. I, 31, 7). Denn hier ſoll nicht auf die allmählich aushöhlende Einwirkung des Waſſers der Nachdruck gelegt werden, ſondern die ganze Phraſe iſt nur ein gewählter Ausdruck fürdurchfließen. Ja das Verbum moréet bildet faſt einen dem Dichter unbewußten logiſchen Gegenſatz zu dem Attribut taciturnus. Einem ruhig dahinfließenden Gewäſſer kann paſſender Weiſe kein Anbeißen des Geſtades zur Laſt gelegt werden. Die Grundbedeutung des Wortes mordere ſcheint im Sprachbe⸗ wußtſein des römiſchen Volkes mit der Zeit faſt gänzlich verblaßt zu ſein.

Um bei den körperlichen, aber lebloſen Gegenſtänden zu beginnen, denen die grau⸗ ſame Phantaſie des lateiniſchen Idiom's Zähne andichtet, ſo kann das bei den Dich⸗ tern öfter vorkommende fibula mordet vestem allenfalls wörtlich wiedergegeben wer⸗ den, denn die fibula läßt ſich in Form eines Rachens denken. Dagegen iſt es ſehr auffällig, wenn die Leinwand vom Faden gebiſſen wird: id quod a lino mordetur (Celsus VII, 44), wenn ferner derſelbe Autor den Dolch von dem ihn umſchließen⸗ den Körpertheil gebiſſen werden läßt: Locus, qui mucronem momordit. Motivirt iſt dieſe eigenthümliche Phraſe allerdings in ſo fern, als die Ränder der Wunde ſich um das verwundende Inſtrument herumlegen gewiſſermaßen wie die Lippen des Mun⸗