Aufsatz 
Königliches Gymnasium zu Hanau, vordem "Hohe Landesschule". Festschrift zur Gedenkfeier des 300jährigen Bestehens der Anstalt. 1607-1907
Entstehung
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Vorwort.

leh habe Bedenken getragen, die nachstehenden Mitteilungen zu veröffentlichen, denn ich bin mir wohl bewußt, daß sie mehr Bruchstücke und Skizzen, als eine zusammenhängende, gleich- mähig durchgeführte Arbeit sind, wie sie die Bedeutung des Festes, an dem sie veröffentlicht werden, eigentlich erfordert hätte. Aber Zeit und Muße haben mir gefehlt, das Aktenmaterial und die ein- schlägigen Schriften so genau durchzusehen, wie ich es gern getan hätte. Insbesondere war es mir nicht möglich, die in der Veröffentlichung begriffene Chronik Sturios einzusehen. So kommt es denn, daß manches nur sprungweise berührt, anderes wieder ausführlicher behandelt worden ist.

Aber ich glaubte mit diesen fragmentarischen Mitteilungen doch nicht zurückhalten zu sollen, schon um deswillen, weil aus der Matrikel, die schon mit 1648 beginnt und einen vorausgegangenen langjährigen regelmäßigen Schulbetrieb erkennen läßt, klar hervorgeht, daß unsere Anstalt im Jahre 1865, wo eine Zweihundertjahrfeier stattfand, schon weit älter als 200 Jahre war, daß man also damals nur die Einweihung des Gebäudes und die Eröffnung der zweiten Universität, nicht aber die Stiftung des Gymnasiums feierlich beging. Wir haben somit ein gutes Recht, in diesem Jahre die Dreihundertjahrfeier zu begehen.

Die Matrikel, die im Mittelpunkte der folgenden Mitteilungen steht, bietet ja fast nur Namen und tote Zahlen. Aber wer als Lehrer in jedem Kinde, das seiner Leitung anvertraut ist, das kostbarste Gut sieht, das Eltern ihm übergeben können, wem hinter jedem Namen das plühende Bild eines freundlichen Knabenantlitzes, voll Erwartung und Hoffnung hervorsieht, für den gewinnen die toten Zahlen und Namen volles Leben, und er trägt in die Schülerlisten von ehemals die Vor- stellungen hinein, die ihm das fröhliche, muntere Treiben der heutigen Jugend erweckt. Und wer sich vergegenwärtigt, wie viel entsagungsvolle Arbeit wohl die meisten der Lehrer, deren Namen uns in der Matrikel entgegen treten, im Dienste der Schule, des Vaterlandes und der Menschheit treu und opferfreudig geleistet haben, dem verdichten sich die leeren Namen jener Männer zu Gestalten, die er mit Interesse an sich vorüberziehen sieht. 3

Die Vorgänge, die wir aus der Matrikel erfahren, sind einfache, unbedeutende Kleinigkeiten für den großen Gang der Weltgeschichte, ja selbst unserer Heimatgeschichte. Aber viele Er- innerungen, die für die Weltgeschichte ganz bedeutungslos sind, werden in einer Familie hoch und heilig gehalten. Was aber wäre eine Schulgemeinschaft anders als eine große Familie!

Möge aus den vergilbten Blättern der Matrikel ein ferner Gruß aus langer Vergangenheit denen leise entgegenklingen, die sich zur Jubelfeier der Anstalt mit uns vereinigen, allen denen, die in Liebe, Treue und Dankbarkeit sich ihrer alten Schule erinnern.

Dr. Philipp Braun.

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