Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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Terrakotten ſind eine Lucknower Spezialität, vollſtändig freie Handarbeit, alſo modellirt und nicht etwa in Formen gegoſſen oder gepreßt und erregen durch ihre ſorgfältige Ausführung die Aufmerk ſamkeit und Bewunderung von Sachkennern. Dieſe Arbeiten ſind in Europa verhältnißmäßig noch ſehr ſelten vertreten, weil ſich im ganzen nur ſechs in Lucknow anſäſſige Familien mit der Herſtellung dieſer Sache beſchäftigen dürfen und keine andere Stadt Indiens etwas Ähnliches aufzuweiſen ver⸗ mag. Die Figuren ſelbſt, teils buntbemalt, teils naturfarben ſtellen in getreueſter Nachbildung folgende Volksklaſſen und Kaſten dar:

1) Brahmanen Frau aus dem Mahratten⸗Lande in Südweſt⸗Indien. 2) Muhammedanerin aus dem Panjab. 3) Frau der Bania Kaſte oder der Kaufmannsgilde in den Nordweſtprovinzen. 4) Muhammedaniſche Tänzerin oder Bajadere. 5) Muhammedaner, Portier bei der engl. Ariſtokratie. 6) Sepai, eingeborner Infanterieſoldat(Hindu.) 7) Brahmaniſcher Ascete Babaji. 8) Muham⸗ medaniſcher Büßer: Muzalman fagir. 9) Yogi, ein Hindu Büßer. 10) Saivi, ein Hindu, der ſich dem Dienſte des Gottes Siva, des Gottes der Zerſtörung, gewidmet hat.(Muhammedaner). 11) Diener im Hauſe der Europäer. 12) Straßenkehrer, die verachtetſte Kaſte. 13) Dhobi, der Wäſchemann. 14) Barbier. 15) Mali Gärtner. 16) Bhiſti, der Waſſerträger.

Alle dieſe Terrakotten ſind einſtweilen in einem zu dieſem Zwecke erbauten geräumigen Speicher zimmer zugleich mit der Schmetterlings- und Vogelſamlung untergebracht.

Gleichzeitig ſind einige Photographien von Paläſten der ehemaligen Könige von Oude mitge ſandt, welche Kunde geben von der fürſtlichen Pracht, mit welcher die alten Herrſcher zu bauen verſtanden.

Wir können nicht umhin, Herrn Prof. Dr. Führer auch an dieſer Stelle wiederholt unſern herzlichen Dank auszuſprechen und zur Nachahmung eines ſo edlen Beiſpieles aufzufordern.

VI. Stiftungen und Unterſtützungen.

Das Kuratorium hat gemäß ſeiner Befugnis armen und würdigen Schülern das Schulgeld entweder ganz oder zum Teil erlaſſen Die Geſamtſumme der Erlaſſe reſp. Ermäßigungen belief ſich auf ca. 10% der Soll⸗Einnahmen aus dem Schulgeld. Stiftungen beſitzt die Anſtalt zur Zeit immer noch keine. Ich kann daher hier an dieſer Stelle nur wiederholen, was ich ſchon ſeit einigen Jahren, leider bisher erfolglos, an dieſer Stelle bemerkt habe: Das Kaiſer Wilhelms Gymnaſium iſt unter den Gymnaſien des preußiſchen Staates vielleicht das einzige, welches auch nicht über die kleinſte wohlthätige Stiftung zur Unterſtützung braver und talentvoller, aber armer Schüler verfügt. Andere Anſtalten haben mehr oder weniger reiche Fonds zu dieſem Zwecke und ſind ſo glücklich, von Zeit zu Zeit neue Stiftungen zu erhalten. Ich möchte alſo an dieſer Stelle nochmals den Wunſch ausſprechen, daß auch für unſere ärmeren Schüler ſich bald edle Wohlthäter finden mögen, die dieſem, gerade im Weſterwalde ſehr empfindlichen Mangel, abzuhelfen ſich entſchließen. Wer der erſte iſt, hat den ſchönſten Ruhm davon; iſt einmal ein Anfang gemacht ſo läßt ſich hoffen, daß andere dem chö nen Beiſpiel folgen werden.