— 104—
So blind iſt er vor Schmerz und Wuth, daß ihm ſeine Schuld nicht einmal vorübergehend ins Bewußtſein tritt, ſondern Alles als das gräuliche Machwerk ſeiner Feinde erſcheint. Eine Ver⸗ ſchwörung iſt gegen ihn angezettelt; der Fürſt ein Tyrann, der ihn geſpart zu ausgedachten Qualen; Antonio des Fürſten Kerkermeiſter— Marterknecht; die Prin⸗ zeſſin die Buhlerin, die kleine Künſte treibt, eine Armide entblößt von allen Reizen, von der ahnungsvoll ſein Lied geſungen.*) Mit dem Dichterlorbeer hat man ihn bekränzt, nur um ihn geſchmückt als Opferthier vor den Altarzu führenz das Gedicht hat man ihm mit glat⸗ ten Worten abgelockt, um ihm das einzige Mittel zu nehmen ſich vom Hungertode zu retten, und hat es zurückbehalten, um eine höhere Vollendung deſſelben unmöglich zu machen und ſo des Dichters Ruhm zu vernichten. Mit dieſen abſcheulichen Verdäch⸗ tigungen, insbeſondere„mit der Läſterung der Prinzeſſin hat Taſſo das Maß der Maßloſigkeit erſchöpft.“**) Haben wir bis⸗ her die fortſchreitende Verdüſterung Taſſos mit ſteigenden Gefüh⸗ len des Mitleids begleitet, ſo verſetzt uns nunmehr der Anblick der geiſtigen Zerſtörung, des Schwankens hart am Rande des Wahnſinns in die tiefſte tragiſche Rührung. Die Situation wird aber im höchſten Grade pathetiſch, wenn man den liebeſe⸗ ligen, bekränzten Taſſo in dem Monologe(II, 2) mit dem zer⸗ ſchmetterten, von Höllenpein durchzuckten Taſſo in Contraſt ſtellt. †) „Antonio, der mild und tröſtend ſich an ſeine Seite ſtellt, erkennt in dieſen Schmerzen, die Taſſo durchwühlen, die Kriſis dieſer
In ſolchen wüſten Augenblicken erſtarrt der Freund, der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft, iſt es eine Wohlthat, daß ihn die Sinne verlaſſen. *) Act II, 1, S. 146: Und wenn Armide haſſenswerth erſcheint,
1 Verſöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.
*) Roſenkranz, Seite 270.
†) Siehe oben Seite 61 und flgde.; desgl. Seite 70.


