— 24—
Ueber die Schuld des Tiberius und des Piſo.
Es ſind weſentlich zwei Punkte in dem eben geſchilderten Proceß, welche eine einge⸗ hendere Betrachtung bedürfen. Zunächſt fragt es ſich: Iſt Germanicus wirklich von Piſo durch Gift aus dem Wege geräumt worden? Und dann: Wie ſtehen Tiberius und Livia zu der Sache, mit anderen Worten, iſt der Mord auf Befehl des Tiberius und der Livia erfolgt?
Unterſuchen wir die zweite Frage zuerſt!
Haben Piſo und Plancina im Auftrage des Tiberius und der Livia gehandelt, hat Piſo den Germanicus im Auftrag jener beiden vergiftet?— Wer den Bericht des Tacitus aufmerkſam lieſt, bekommt ohne Frage den Eindruck, daß der Schriftſteller ſelbſt von der Schuld des Piſo ſowohl als von der Schuld des Tiberius und der Livia überzeugt iſt. Aber beachten wir, wie vorſichtig er ſich ausdrückt. An keiner einzigen Stelle ſagt er ausdrücklich, daß Tiberius den Piſo mit Aufträgen gegen den Prinzen betraut habe; alle ſeine Beſchul⸗ digungen ſind indirect bis auf eine einzige bezüglich des Verhältniſſes der Livia zu Plancina. Die Stelle lautet: 1)„Piſo war nicht darüber im Zweifel, daß er eigends dazu erwählt ſei, Syrien zu verwalten, um des Germanicus Anſprüche in Schranken zu halten. Einige haben geglaubt, daß ihm wirklich von Tiberius ſolche geheime Aufträge gegeben worden ſeien und in Betreff der Plancina iſt es unzweifelhaft, daß ihr die Auguſta, im weiblich eiferſüchtigen Beſtreben, ſich der Agrippina feindſelig zu erweiſen, ſolche Winke gab.“— Von weiteren Stellen, die für unſere Unterſuchung von Wichtigkeit ſind, beachten wir II, 55: ²)„Auch unter den guten Soldaten waren manche bereit, ſolchen argen Dingen ein williges Ohr zu leihen weil das geheime Gerücht ging, daß der Kaiſer all dieſes(nämlin die Um⸗ triebe des Piſo und ſein und Plancinas widerſpenſtiges Verhalten gegen das prinzliche Paar) nicht ungern ſähe.“
Ferner iſt eine Stelle II, 82 ³) in hohem Grade geeignet, den Leſer gegen den Kaiſer einzunehmen.„Als in Rom des Germanicus Krankheit ruchbar und alle Umſtände, wie es bei ſo weiter Entfernung zu geſchehen pflegt, in's Schlimme vergrößert, gemeldet wurden, da erwachte Schmerz und Zorn und laute Klagen brachen aus.„Darum alſo ſei er an das Ende der Welt fortgeſchickt, darum dem Piſo die Provinz übergeben worden! Darauf hätten die geheimen Zwiegeſpräche der Plancina mit der Kaiſerin⸗Mutter abgezielt! Jetzt ſehe man, wie vollkommen richtig das geweſen, was die älteren Leute in Bezug auf Druſus geſagt hätten: es mißfalle den Regierenden die bürgerliche Geſinnung ihrer Söhne, und nur darum ſeien dieſelben aus dem Wege geräumt worden, weil ſie ſich mit dem Gedanken ge⸗ tragen hätten, dem römiſchen Volke die Freiheit und damit die allgemeine Rechtsgleichheit wiederzugeben.“
¹) Ann. II, 43. Nec dubium habebat se delectum, qui Syriae imponeretur, ad spes Germanic coërcendas. Credidere quidam data et a Tiberio occulta mandata; et Plancinam haud dubie Au gusta monuit aemulatione muliebri Agrippinam insectandi.
²) Plancina erging ſich in Schmähreden gegen Germanicus und Agrippina, quibusdam etiam bo- norum militum ad mala obsequia promptis, quod haud invito imperatore ea fieri occultus rumor in- cedebat.
³) At Romae, postquam Germanici valetudo percrebuit cunctaque, ut ex longinquo, aucta in deterius adferebantur, dolor ira; et erumpebant questus. Ideo nimirum in extremas terras relega- tum, ideo Pisoni permissam provinciam; hoc egisse secretos Augustae cum Plancina sermones. Vera prorsus de Druso seniores locutos: displicere regnantibus civilia filiorum ingenta, neque ob aliud interceptos, quam quia populum Romanum aequo jure complecti reddita libertate agitaverint.


