Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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triebe bei den Legionen, die Lockerung der Disciplin, die Mißhandlungen der Provinzialen, ja ſogar zahlreiche Beleidigungen des Prinzen nicht in Abrede geſtellt werden, lauter Punkte, die geeignet waren, die ſtrengſte Beſtrafung nach ſich zu ziehen. Aber wenn auch Piſo für dieſe Anklagepunkte ſich wohl oder übel ſchuldig bekennen mußte, ſo gelang es ihm doch, ſich von der gehäſſigſten Anſchuldigung, der auf Ermordung des Germanicus durch Gift, glänzend zu reinigen. Die Ankläger behaupteten nämlich, Piſo ſei bei Gemanicus zu Gaſt geweſen und habe ſeinen Platz neben dem Prinzen gehabt. Hier habe er eigenhändig vor Aller Augen die aufgetragenen Speiſen vergiftet und ſie dem Prinzen gereicht. Das ſchien denn doch auch den voreingenommenſten Richtern zu albern und einfältig. Allein trotzdem ſtand die Sache ſchlimm: nämlich wegen des bewaffneten Aufſtandes, den Tiber unmöglich verzeihen konnte. Dazu wurde die Angſt des Angeklagten noch geſteigert durch das wilde Toben des raſenden Pöbels, der vor der Curie Poſto gefaßt hatte und heftig drohte, er werde ſeine Fäuſte zu gebrauchen wiſſen, wenn die Senatoren ein freiſprechendes Urtheil fällen ſollten. Schon hatte man die Standbilder Piſo's von ihren Plätzen geriſſen und ſie zu der berüchtigten Seufzertreppe geſchleift, von wo die Leichen der hingerichteten Verbrecher in die Tiber ge⸗ worfen wurden; man war nahe daran die Bildſäulen zu zertrümmern, wenn nicht auf kai⸗ ſerlichen Befehl die Polizei eingeſchritten wäre. Kein Zweifel, wenn das raſende Geſindel des Angeklagten habhaft geworden wäre, ſo wäre er bei lebendigem Leibe zerriſſen worden. Es blieb deshalb nichts übrig, als ihn nach Schluß der Sitzung unter ſtarker Militärescorte in ſeine Wohnung zu ſchaffen.

Die Sache war offenbar verloren. Eine Hoffnung blieb dem unglücklichen Manne noch übrig, die Hoffnung auf die Gnade des Kaiſers. Da traf ihn ein harter Schlag, der ihn tief verwunden mußte. Plancina trennte ihre Sache von der ſeinigen und nahm die Fürſprache der Kaiſerin in Anſpruch. Die Kunde von dieſer Treuloſigkeit ſcheint den ver⸗ zweifelten Mann vollſtändig geknickt zu haben. Zuerſt gab er ſeine Sache ganz verloren und wollte ruhig Alles über ſich ergehen laſſen. Nur die eindringliche Zuſprache ſeiner Söhne bewog ihn, ſich ſeinen Richtern nochmals zu ſtellen. Noch einmal ertrug er die Folterqualen der peinlichen Unterſuchung, noch einmal ſetzte er ſich den gehäſſigen Angriffen ſeiner erbit⸗ terten Feinde aus, noch einmal überzeugte er ſich von der Vergeblichkeit ſeiner Bemühungen. Am Meiſten kam er außer Faſſung durch den Anblick Tibers. Der Kaiſer hätte den alten treuen Diener gerne gerettet; allein der Conſequenzen halber konnte er den bewaffneten Aufſtand unmöglich verzeihen, die Staatsraiſon verbot es. Tiber zeigte durch keine Miene, was in ſeinem Innern vorging. Ohne Mitleid, ohne Zorn ſaß er unbeweglich da, dem Ge⸗ ſetze völlig freien Lauf laſſend. So entſchwand auch dieſer letzte Rettungsanker.— Piſo beſchloß den Selbſtmord.

Nachdem er aus der Senatsſitzung zurückgebracht worden war, ſchrieb er, als ob er ſich für die Vertheidigung vorbereite, einige Zeilen und übergab das verſiegelte Schreiben ſeinem Kammerdiener. Wie gewöhnlich vollzog er die üblichen Verrichtungen zur Pflege des Leibes, nahm die Abendmahlzeit und ließ in ſpäter Nacht die Thüren verſchließen.

Am andern Morgen fand man ihn mit durchſtochener Kehle am Boden liegend, neben ihm das blutige Schwert.

So fand der verwegene Mann einen im vollen Sinne des Wortes tragiſchen Untergang.

Tiberius war heftig erſchüttert, als er das Ende ſeines einſtigen Freundes vernahm, und Tacitus ſcheint hart, wenn er für den Seelenſchmerz des greiſen Fürſten kein Verſtänd⸗ niß hat, wenn er ihm ſeine Trauer um den treuen Diener als Heuchelei auslegt. 16)— Außer ſeinem perſönlichen Schmerz mußte dem Kaiſer noch ein anderer Umſtand den trau⸗

¹⁰) Ann. III, 16.