Aufsatz 
Samson Raphael Hirsch
Entstehung
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sie dann die ganze Fülle des jüdischen Berufes, für alles Edle und Gute, für alles Mensch- liche und Göttliche, mit aller Energie des Geistes und Herzens bethätigen werden, dann wird man sie achten, nicht obgleich, sondern weil sie Juden sind, wird sie als die treuen. wackern, brüderlich gesinnten Menschenbrüder und Staatesglieder achten, und wenn sie auch nicht im Sommer Milben essen, und wenn sie auch nicht Blut und Unschlitt zehren. und wenn sie auch an Sabbath und Festtagen die Gottesfeier durch das Opfer des Gewerbes bethätigen und am Versöhnungstage die Versöhnung mit Gott und Menschen feiern.

Freilich, wer so, wie der Anonymus. ausser dem Judenthume steht und mit solch entfremdetem Sinne das Judenthum anschaut, dem ist eben das Judenthum überhaupt ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch. Er sieht Zeichen, aber er kennt nicht ihre Deutung. und kennt nicht und bpegreift nicht die Beseligung, mit der sie durchdringen.

So sieht der Barbar nur krause, verschnörkelte, ihm nichts sagende Züge und be- greift das Entzücken nicht, mit dem sie den Homer lesenden Griechen erfüllen. So sieht der Blasirte nur werthloses graues Haar, wo die Pietät des Sohnes die greise Locke vom heimgegangenen Vaterhaupte an die Lippen drückt. So wirft der Wüstling den Ring zum Trödler, der dem Reinen das theuerste Pfand der Liebe und der Treue ist. So haben Zeichen überhaupt nur Werth und Bedeutung für Den, der sie versteht und dem sie gelten.

Nichts aber ist klüger, absprechender, allwissender, als die Dummheit.

Ein heiliges Epos ist aber das ganze Leben des Juden von der Wiege bis zum Grabe. Heilige Denkmäler der Erinnerung, heilige Zeichen der Pietät, heilige Pfänder des Gottes-

bundes umgeben ihn überall und immer, in jedem Augenblick hat er die Liebe und die Treue

gegen Gott und seinen heiligen Willen zu bethätigen, der Geist durchdringt gestaltend sein ganzes Leben, und er ist der geheime Zauber, der den ärmsten Juden reich, den gedrück- testen frei, den betrübtesten froh, den schwächsten stark und muthig macht und ihm die Kraft verleiht, alle Prüfungen zu bestehen, alle, auch die schwersten Aufgaben zu lösen.

Werfet den Juden an den isolirtesten Seestrand, in die ödeste Wüste, in den ver- einsamtesten Kerker: wo er geht, wo er steht, hat er seine Kirche, seinen Priester, seinen Altar bei sich, in sich; die zerfallenste Hütte wird ihm zum Tempel, der ärmste Tisch zum Altare, Brod und Wasser wird ihm Opfer und Kelch, er selbst wird zum Priester und den Gottessegen und den Gottesfrieden gewinnt er überall und immer.

Die Blume, die das jüdische Mädchen am Sabbath nicht bricht, der Käfer, den der jüdische Knabe am Sabbath nicht fängt, bis hinan zur Kunst, zum Gewerbe, die der jüdische Mann am Sabbath nicht übt, sind ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Natur, sind eine Verkündigung des Weltenschöpfers. So oft der Jude, so oft die Jüdin den ganzen Sabbath hindurch ihre Hand zurückhalten von jedem Wesen, an keinem ihre Macht ausüben. keines zu ihrem Zwecke umbilden und verändern, legen sie dieses Wesen, diese Welt, ihre Welt opfernd auf seinen Weihaltar und bekennen und verkünden und besiegeln durch That das Bekenntniss, dass diese Welt ihren Schöpfer und sie ihren Herrn und Meister haben. dessen Eigenthum ein jedes Wesen, dessen Diener eine jede Kraft, dessen Dienst auch sie angehören und nur in seinem Dienste nach seinem Willen ihre Kräfte zu üben haben.

Jedes Stückchen Gesäuertes, das der Jude zu Ostern aus seinem Hause schafft. ist ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Geschichte, ist eine Verkündigung der