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Hierauf ſprach Prof. Dr. Wagner:
„Verehrte Amtsgenoſſen, geliebte Schüler! Als wir das letztemal hier zur Andacht verſammelt waren, da ſchwebte ſchon der Todesengel über dieſem Hauſe, um in das Land höherer Erkenntniß die unſterbliche Seele des Mannes abzurufen, der ſo viele Jahre hindurch unſrer Schule Leuchte und Richtſchnur, feſte Stütze und hohe Zierde geweſen war. Wenige Tage darauf ſtanden wir voll Wehmuth um das offene Grab, das die ſterbliche Hülle des Geſchiedenen empfangen und für immer bergen ſollte. Dort hörten wir aus dem Munde deſſen, der uns von dieſer Stätte hier das Evangelium zu künden und zu deuten berufen iſt, Worte der Liebe und Verehrung, die er aus ſeinem und aus unſer Aller Herzen geſchöpft, Worte des Troſtes, die er der Offenbarung der h. Schrift und den ewigen Geſetzen der Natur entnommen. Er entfaltete uns vorzugsweiſe das Bild des edlen, liebenswürdigen Menſchen, wie er in den Stürmen des Lebens geſtält und in den Beſtrebungen ſeines Geiſtes gereift in hoher Vollendung vor uns ſtand.
So Treffliches auch ſonſt inzwiſchen über den Heimgegangenen geſprochen und ge— ſchrieben ward, dennoch bleibt mir noch ein neuer Stoff, von ihm zu euch zu reden, denn die Vielſeitigkeit und Bedeutung des ſeltenen Mannes war zu groß für die Enge einer Grabrede, zu groß für die Spalten öffentlicher Blätter, zu groß für den elegiſchen Erguß eines poetiſchen Gemütes. Wie ein Stern oder Diamant in anderem Stand und anderer Beleuchtung anderen Glanz ausſtralet, ſo bietet Dilthey's Weſen und Wir— ken mannigfaltigen Betrachtungen neue intereſſante Seiten dar. Ich verſuche darum, ihn euch in der Thätigkeit zu ſchildern, die ihm vor euch zu entfalten beſchieden war, ihn in ſeiner Meiſterſchaft als Lehrer zu zeichnen und euch in die Laufbahn blicken zu laſſen, in der er zu ſeinem hohen Ziele gelangt iſt.
Ein rechter Gymnaſiallehrer ſein, heißt aber nicht ſtückweiſe ſich nützlich machen, dieſe oder jene Kraft, dieſe oder jene Erkenntniß den Schülern zuwenden, ſondern mit ſeinem beſten Gehalte ſich ganz hingeben, mit ganzer Seele, ſeinem ganzen Denken und Dichten, Wiſſen und Wollen, mit warmer Liebe, mit heiliger Begeiſterung und, wenns Noth thut, auch mit heiligem Zorn an ihrer Seelen Bildung arbeiten, in der Art, daß er ſelbſt ein Vorbild hoher Sittlichkeit, ein Vater unter ſeinen Kindern ſtehet, wie ein Va— ter,„der den Streich ſich ſelber giebt, den er dem giebt, den er liebt.“ Auch nicht auf eine einzelne Seelenkraft, eine einzelne Thätigkeit und Fertigkeit ſeiner Zöglinge iſt ſein Wirken gerichtet, er hat den ganzen Menſchen in ihnen zu erfaſſen und zu erziehen, nach allen Seiten ſeiner Natur ihn harmoniſch und ebenmäßig zu entwickeln, auf daß aus ſeiner Schule Jünglinge hervorgehn, befruchtet und befähigt für alle wiſſenſchaftlichen Studien und mit Herzen, die warm ſchlagen, ja begeiſtert ſind für alles Schöne und Erhabene in jedweder Erſcheinung. Um zu ſehen, wie es unſerm Dilthey gelungen, ſo hoher Aufgabe zu genügen, laſſet uns ſeine Lebenswege und Beſtrebungen näher betrachten.
Jul. Friedr. Karl Dilthey ſtammte aus dem alten Cheruskerlande; er war ge⸗ boren am 12. März 1797 in der ehemaligen Freireichsſtadt Nordhauſen am Fuße des Harzes. Aus dem ſtillen Kreis einer Bürgerfamilie und der Enge des Schullebens trat er zuerſt in die laute weite Welt heraus im Kriegerkleide, mit guter Wehr und Waffe angethan; als 18jähriger Jüngling focht er rühmlich bei Waterloo mit. Nicht Zwang, nicht Drang nach Unterkommen und Beförderung hatte ihn in die Reihen der Kämpfer geſtellt, ſondern der Trieb für die Freiheit und Größe des Vaterlandes. Als der Sieg erfochten und der goldne Friede wiedergekehrt war, widmete ſich D. ganz dem Dienſte der Muſen und errang bald auf einem anderen Wahlplatze mit den Waffen des Geiſtes in einem literariſchen Weltſtreit über die Echtheit der platoniſchen Bücher von den Ge⸗ ſetzen als Privatdocent in Göttingen den Siegspreis. D. zählte bald in der altberühm⸗ ten Georgia Augusta zu den jungen Gelehrten, die mit Auszeichnung genannt wur⸗ den. Nach Braunſchweig ans Martineum als Oberlehrer berufen(1821) ließ er 1823


