Aufsatz 
Ueber die Natur der Eigennamen / Karl Dilthey
Entstehung
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Ganz beſonders hat ſich in heutigen Namen das Andenken an die Pilgerfahrten ihrer Ahnen erhalten, ſo in Pilger ſelbſt(aus ager, wenn auch dem Laien unglaub⸗ lich, doch regelrecht entſtanden, wie die Reihenfolge ager, peregre, peregrinus, it. pelerino, f. pélérin Pilgrim beweiſt, das letztere ſreilich mit Anſpielung an ahd. Biligrim) und Palmer(verkürzt Palm), wie im Mittelalter(palmarius und noch it. palmiere) Jeder genannt wurde, der das Ziel einer langen und mühſeligen Pilger⸗ fahrt erreicht, gleichſam die Siegespalme davongetragen hatte, davon e. Palmerston, was eine Pilgerſtadt Palmerstown vorausſetzt. Wie oben ſchon der Jordan als Ziel der Pilgerfahrt erwähnt wurde, ſo war es im Mittelalter noch weit gewöhnlicher Rom, daher Römer(it. Romeo) der von dort zurückkehrende Pilger, eine Beziehung, die auch in Römheld liegen könnte. Doch liegt es näher, beide Namen von ahd. Hrom- heri und Romoald, Rumold, abzuleiten, wobei die Beziehung auf Nom mit der auf Ruhm vertauſcht wird, wie in Rommel und Rummel. 4

Endlich ſind es ganz vorzüglich die Heiligen, die ihre großentheils der lat. Sprache entlehnten Namen auf die Nachwelt vererbt haben. So der h. Antonius, an den noch das Antoniterhaus in Grünberg und die zahlreichen Döngesäcker und Döngesmühlen erinnern; der h. Aureus in der verſchwundenen Aureuskirche und der noch vorhandenen Aureusmühle in Mainz; die h. Cäcilia, wie lucus a non lu- cendo zur Schutzpatronin der Orgel und des Geſanges erhoben, weil ſie in tiefe Ge⸗ fühle der Andacht verſunken die rauſchenden Töne der muſikaliſchen Inſtrumente(organa) nicht vernahm; der h. Criſpinus, der Schutzpatron der Schuhmacher, gegen den der Horaziſche Criſpinus in Fortpflanzung des Namens Criſpin nicht in Betracht kommen kann; der h. Laurentius, auf dem Kaiſerſtuhl von Lörzweiler(Lorenzenvillare 798) thronend; der h. Martinus, Biſchof von Tours, Schutzpatron von Mainz und Bingen, durch die Martinsburg in Mainz, die Martinspfründe in Bensheim, die Martinscapelle auf dem Hergottsberge bei Darmſtadt bekannt. Ihnen kann man auch den Melchior beizählen, wenn wirklich in ihm der hebräiſche Königstitel (melech) mit der lat. Comparativendung verbunden iſt, um ihn nach ſeiner Stellung als den mittleren der heil. drei Könige zu bezeichnen. Ohne ſein Verdienſt aber iſt der h. Pancratius(omni robore instructus wie Pliſthenes und Vollhard), dem Worms noch ſeinen Kratzwinkel verdankt, zum Inhaber der nach ihm benannten Vor⸗ ſtadt von Darmſtadt gemacht worden, die(von Bangert für Baumgarten, wie Wingert für Weingarten benannt) wohl nur den Gegenſatz gegen den benachbarten Stadttheil Birngarten(von pirum) bilden ſollte, der ſeinerſeits in dem attiſchen Acharnae und der ſyrakuſiſchen Achradina(von axoâ« pirus silvestris) ſeine claſſiſchen Vorbil⸗ der findet, während Birnbaum als Name dem portug. Pereira ruſſ. Perowski ent- ſpricht. Der h. Rochus, wenn anders ſein Name von rupes f. roc, rocher abzu⸗ leiten iſt, wie ſchon ſein Geburtsort Montpellier vermuthen läſſt, findet ſich in der mo⸗ dernen Welt wieder in f. Duroc, Delaroche, Raoul Rochette, patronymiſch überſetzt Felſing; doch hält ihn Förſtemann latiniſirt aus ahd. Rocco Rogge, Ruge, wonach er vielmehr in Rockenberg zu ſuchen wäre. Die h. Urſula, meiſt Orſchel ge⸗ nannt, in Ober- und Niederurſel, und die von ihr geführten 11000 Jungfrauen in der Elftauſendmägdmühle zu Bingen. Auch einige Heilige mit deutſchen Namen mö⸗ gen hier gleich genannt werden, wie der h. Veit(urſprünglich Wido amplus, fr. Guy, it. Guido, latiniſirt Vitus, daraus wieder germaniſirt Veit), durch Heilung des Veits⸗ tanzes bekannt, bei uns noch thronend in Veitsberg und Veitshain, wie auf der Inſel Rügen, wo einſt sanctus Vitus an die Stelle des ſlaviſchen Heidengottes Swan⸗ tewit geſetzt wurde; und die h. Walpurgis, an der Stelle der heidniſchen Oſtra von Oberoſtern auf der dabeiliegenden Berghöhe von Weſchnitz thronend, wo ſie den Kno⸗ tenpunkt der Waſſerſcheide zwiſchen Rhein, Main und Neckar bezeichnend, im Mittelalter