Zean Baptiſte Kouſſeau.
Eine literariſche Skizze von
Realoberlehrer Dillmann.
Wie im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts der deutſche Geiſt ſowohl im ſocialen Leben, als auch in der Literatur in die Bahn der franzöſiſchen falſchen Geſchmacksrichtung gedrängt wurde, ſo wurde in der erſten Hälfte des ſiebzehnten Jahrhunderts das ganze geiſtige Leben der Fran⸗ zoſen vom ſpaniſchen und italieniſchen Einfluſſe beherrſcht. In Allem, von der äußeren Tracht bis zur Denk⸗ und Redeweiſe, richtete man ſich nach dem Auslande, deſſen Nachahmung als die höchſte Stufe der Geſittung und Bildung erſchien; der maß- und tonangebende Hof ging hierin mit ſeinem Beiſpiel voran. Dadurch trat nun in alle Kreiſe des Lebens jene übertriebene ſchön⸗ geiſtige Galanterie ein, die mit Hintanſetzung alles tieferen geiſtigen Strebens nur nach äußerer Abgeſchliffenheit trachtete, und ihre Rückwirkung auch auf die Poeſie nicht verfehlen konnte, die mit ihr zur Modeſache geworden war, nach ihren den ſpaniſchen und italieniſchen Dichtungen ent⸗ lehnten Muſtern aber ebenſo nur in einer äußeren Glätte und Eleganz beſtand. Es iſt nicht zu läugnen, daß die Sitten ſich dadurch verfeinern und die Sprache an jener Anmuth, Leichtigkeit und Eleganz der Form gewinnen mußte, die ſie ſo vorzüglich zur Sprache des geſelligen Lebens befähigt; allein auf der anderen Seite verlor gerade die Poeſie aber auch dadurch an allem innern Gehalt, ſo zwar, daß das ganze Weſen nur mehr auf die Form ſich beſchränkte, auf welche die ganze künſtleriſche Darſtellung hinauslief. Wenn nun auch mit Boileau eine neue Periode der franzöſiſchen Poeſie begann, indem dieſer durch ſchonungsloſe Geißelung der herrſchenden Lächer⸗ lichkeiten und beſonders des falſchen Geſchmackes in der Literatur in ſeinen Satiren, ganz insbe⸗ ſondere durch eine auf das Studium der Alten gegründete Kritik einen mächtigen Einfluß auf die Dichtungen ſeiner Zeitgenoſſen gewann und durch ſeine art poëtique ſich zum législateur du Parnasse erhob: ſo konnte er ſich doch ſo wenig vom Regelnzwange frei machen, daß auch dieſer ihm faſt als erſtes und Grunderforderniß der Poeſie galt. Die Dichter des ſogenannten goldenen Zeitalters der franzöſiſchen Literatur folgten mehr oder weniger dieſer Geſchmacksrichtung ihres Freundes oder Lehrers, und wie hoch auch die Franzoſen ihren Racine und Moliäre ſtellen, der Gedankenſchwung, der höhere Aufflug des Geiſtes, den die Sprache gerade in der Poeſie durch kunſtvolle Wendungen und Darſtellungen auszudrücken berufen iſt, wurde beengt durch das ſtarre Geſetz der Form, die, gebannt in den einförmigen Alexandriner, keinerlei Abweichung geſtattete, und ſo faſt in gar vielen Poeſien nur als eine nach beſtimmter Silbenzahl gemeſſene und ge⸗
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