Aufsatz 
Ueber einige Rostpilze und die durch sie verursachten Pflanzenkrankheiten / von Karl Diehl
Entstehung
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theils wiederholt gabelige Schläuche, die mit einer dicken, farbloſen Membran verſehen, tief orangegelbes Protoplasma und Oel enthalten.

Dieſe Schläuche ſind nichts anderes als die Teleutoſporen. Man kann bei ihnen die Stielzelle meiſt nicht von den Sporenzellen unterſcheiden. An den Nadeln ſind Ende Auguſt braune Längsſtreifen aufgetreten, die ſich gegen Ende Oktober zu rothbraunen Puſteln ausbilden. Während des Winters bleiben dieſelben unverändert, ſchwellen dagegen im Frühjahre ſtark an, und nun ſieht man auf der Unterſeite der Nadeln langgeſtreckte, orangegelbe ſammetartige Polſter. Dieſe Sporenpolſter, von keiner beſonderen Hülle umgeben, durchbrechen ſpäter die Epidermis und bekommen Mitte Mai eine chromgelbe Färbung. Endlich werden ſie bleicher, trocknen ein, und nach kurzer Zeit fallen die kranken Nadeln ab.

Daß die oben angeführten Sporen wirklich Teleutoſporen ſind, erkennt man aus ihrer bei feuchter Witterung raſch erfolgenden Keimung. Sie treiben nämlich ein Promycelium, an welchem vier anfangs farbloſe, ſpäter gelbe Sporidien gebildet werden. Von dieſen rührt die ſchon erwähnte chromgelbe Färbung des Polſters her.

Bringt man die Sporidien auf junge Nadeln, die noch nicht ihre halbe Länge erreicht haben, ſo bemerkt man ein feſtes Anpreſſen der Spitze der Keimſchläuche auf der Oberhaut der Nadeln, ſodann das Durchbohren der Epidermiszelle und das Eindringen in das Innere der Nährpflanze.

Während alſo auf der älteren Nadel der auf zwei Jahre vertheilte Entwicklungsgang der Krank⸗ heit Ende Mai zum Abſchluß kommt, zeigt ſich auf den jungen Nadeln ſchon im nächſten Monat wieder das erſte Stadium der Erkrankung. Aus dieſer unmittelbaren Beobachtung läßt ſich folgern, daß die Krankheit direct durch Ausſaat der Sporidien erzeugt wird. Dafür ſpricht auch der Umſtand, daß man in den jungen Zweigen und Nadeln noch kein Mycelium gefunden hat, ferner, daß die Zahl der erkrankten jungen Nadeln um ſo größer iſt, je mehr ältere Nadeln desſelben Baumes mit Teleutoſporenlagern bedeckt ſind; endlich die Thatſache, daß die Sporen gerade reif ſind, wenn die jungen Nadeln austreiben.

Der Schaden, welchen die Vegetation dieſes Pilzes veranlaſſen kann, iſt bei häufigem Auftreten desſelben ein ſehr beträchtlicher. Schon oft ſind, wie oben angegeben, größere Waldbeſtände heimgeſucht worden, wobei alle Altersſtufen der Bäume Noth litten. Die ſchnelle Vermehrung iſt Folge der Ent⸗ wicklung zahlreicher Sporidien. Die Frage, wodurch dem Ueberhandnehmen der Krankheit geſteuert werden kann, iſt daher eine ſehr dringende.

Da nach den gemachten Erfahrungen die Erkrankung ſich an feuchten Orten ſchnell und leicht verbreitet, empfiehlt Willkomm¹) den Anbau von Fichten auf naſſem Boden zu unterlaſſen, ſowie über⸗ haupt an ſolchen Orten, die im Sommer einer feuchtwarmen Atmosphäre ausgeſetzt ſind. Man ſolle daher in engen Thälern Tannen oder Weymouthskiefern anbauen. Wo Fichten an feuchten Orten ſtehen, ſorge man für Entwäſſerung des Bodens und ermögliche einen reichlichen Luftwechſel durch zweckmäßigen Auf⸗ und Durchhieb. Tritt der Roſt nur ſpärlich auf, ſo haue man die befallenen Aeſte, nöthigenfalls die ganzen Bäume ab und entferne ſie ſofort, damit nicht von ihnen aus die ganze Umgebung inficirt werde. Bei epidemiſchem Auftreten haue man wenigſtens die kränkſten Sämme ab. Endlich dürfte ſich anſtatt der Rothtannen der Anbau der nordamerikaniſchen Weißfichte(Abies alba L., Picea alba Link) empfehlen, indem dieſe von der Gelbſucht nicht befallen wird.

¹) Willkomm, Die mikroskopiſchen Feinde des Waldes. II. Sorauer, Handbuch der Pflanzenkrankheiten.