Aufsatz 
Aus den Lebenserinnerungen des Königlich Hannoverschen Generalschuldirektors Friedrich Kohlrausch (1780-1867). Ein Beitrag zur Geschichte des rheinhessischen Schulwesens
Entstehung
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In der ſechſten Rede ſprach er über die Bedeutung der Univerſitäten als Einigungsmittel für das geſamte Deutſchland, und in demſelben Sinne über eine allgemeine deutſche Akademie der wiſſen- ſchaften, über die Errichtung eines Bundestages und eines Reichsgerichts, die Entfernung aller Schranken des geiſtigen und materiellen Verkehrs zwiſchen den einzelnen Ländern, über die Aufhebung des Univer- ſitätszwangs, der Bücherverbote, der Zollgrenzen, über die Einführung der Handelsfreiheit u. a. Beſtimmter Vorſchläge über die Form der Einigung der deutſchen Stämme enthielt er ſich.

Kohlrauſch ſandte ſeine Reden an mehrere der bedeutendſten Männer der damaligen Zeit, ſo an den Feldmarſchall Blücher, den Chef des Generalſtabs Graten Gneiſenau, den König Friedrich Wilhelm III., den Kronprinzen(nachmaligen König Ludwig l.) von Bayern, die ſie mit großem Intereſſe laſen und mit Auszeichnung beurteilten. Der König dankte ihm in einem Kabinettſchreiben, Blücher in einem eigenhändig unterſchriebenen Brief. Gneiſenau ſchrieb ihm im Frühjahr 1815, als Napoleon von Elba zurückgekehrt war, von Aachen aus:„Der Geiſt der verſtändigen Freiheit und urdeutſchen Geſinnung, der ſich darin offenbart, hat mich ſehr angezogen, und jedes vorurteilsfreie, rechtliche Gemüt muß wünſchen, daß Ihre Vorgefühle einer geordneten Zukunft und einer freien deutſchen Nationalität recht bald ins Leben übergehen mõgen. Wie ſehr Preußen hierbei an Beiſpiel voranleuchtet und zur Anſchließung durch eigene Kraftanſtrengung ermutigt, wird den Beſſeren in Deutſchland wohl hinlänglich klar geworden ſein. Der neubeginnende Kampf wird noch mehr davon zu entwickeln uns nötigen, und ſo mõögen wir hierin von den anderen Völkern Deutſchlands ebenſo redlich und kräftig unterſtützt werden, als dies von dem wackeren bergiſchen Volke geſchehen iſt.“

Auch Joſeph von Gôrres, der Herausgeber des rheiniſchen Merkurs, der ſich durch ſeine kräftigen, wahrhaft genialen und begeiſterten Artikel im Laufe der Jahre 1814 und 1815 den Ehrennamen der fünften Großmacht im Kampfe gegen Napoleon erworben hatte, ſchrieb ihm unter dem 12. Mai aus Coblenz:„lch danke Ihnen für das angenehme Geſchenk, das Sie mir mit lIhrem Buche gemacht haben. In Einigem, am Anfange beſonders, wo Sie vom Verhältnis des Antiken und Romantiſchen zur gegenwärtigen Zeit reden, iſt mein ldeengang etwas abweichend von dem Ihrigen, im Ganzen ſind wir aber, wie ſich von ſelbſt verſteht, völlig mit einander einverſtanden. Willkommen iſt jeder Mitarbeiter, der ſich zum Werke bietet, das erſt zur kleineren Hälfte vollendet iſt, und es wäre nichts getan, ſollte es auf halbem Wege ſtehen bleiben. Was Sie von den großen Uebungslagern ſagen, iſt wohl bedacht, gut und ausführbar und wird darum auch ſicher ausgeführt werden. Ich werde einmal meine Gedanken darüber im„Rheiniſchen Merkur“ mitteilen.“

Während ſeiner vierjährigen Wirkſamkeit(1814—1818) als Profeſſor in Düſſeldorf war das Gymnaſium unter Kortüms Leitung zu einer Muſteranſtalt an den wiedereroberten Ufern des Rheins aufgeblüht. Auch die Turnübungen wurden im Frühjahr 1815 eingeführt, angeregt durch den Turnvater Jahn, der bereits 1811 ſeine Turnanſtalt in der Haſenheide erõffnet hatte. Mit Jahn, E. M. von Arndt und Joſeph von Görres, die um dieſe Zeit nach Düſſeldorf kamen, verband ihn innige Freundſchaft, die bis zu deren Tod fortdauerte. Ein eben ſolches Freundſchaftsverhältnis unterhielt K. mit mehreren ſeiner Kollegen am Gymnaſium, die, ebenſo wie die Schüler, zumeiſt dem katholiſchen Bekenntnis angehörten. Unter dieſen lernte er beſonders einen jüngeren Kollegen, Brüggemann, ¹) hochſchätzen.

K. hatte beſonders den Geſchichtsunterricht in den oberen Klaſſen und behandelte in demſelben, durch die Zeitverhältniſſe veranlaßt, mit Vorliebe deutſche Geſchichte. Da er ſelbſt noch Geſchichte ſtudieren mußte, war auch ſein Intereſſe ſtets friſch und lebendig. Da es an einem paſſenden Lehrbuch fehlte, auch eine populäre Darſtellung für das große Publikum nicht vorhanden war, entſchloß er ſich zur Abfaſſung ſeiner„Deutſchen Geſchichte“, die in Elberfeld 1816 zuerſt erſchien(die 17. Auflage, Leipzig 1867). Namentlich die Geſchichte der Freiheitskriege beſchrieb er in begeiſterter Erinnerung der durchlebten Zeit. Nicht nur am Gymnaſium in Düſſeldorf, ſondern auch an vielen anderen Schulen wurden mehrere Jahre hin- durch bei vaterländiſchen Feſten(18. Oktober) Stellen aus ſeinen begeiſterten Schilderungen vorgeleſen, und unleugbar hat die für die Jugend beſonders geeignete Darſtellung viel dazu beigetragen, die vaterländiſche Geſinnung in den ſpäteren Geſchlechtern zu nähren.

Außer der Schularbeit und ausgedehnten ſchriftſtelleriſchen Tätigkeit war K. noch durch eine andere öffentliche Stellung in Anſpruch genommen. Der Generalgouverneur Juſtus v. ¹) Brüggemann wurde 1822 Direktor des Gymnaſiums in Düſſeldorf, 1831 Regierungs- und Schulrat in

Coblenz, 1830 Ceh. Regierungsrat im Kultusminiſterium in Berlin, wo er in der Leitung des katholiſchen Schul- weſens mitwirkte.