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Lebhaft tritt er in der vierten Rede zur Hebung des vaterländiſchen Sinnes für die Abhaltung von regelmäßig wiederkehrenden Nationalfeſtſpielen ein.) Kohlrauſch war von der Verwirklichung ſeiner ldee vollkommen überzeugt. Begeiſtert ruft er ſeinen zahlreichen Zuhérern zu:„lch ſehe es, geehrte Anweſende, wie der Gedanke ſolcher ſchönen, feſtlich großen Vereinigung auch Ihr Gemüt ergreift und es mit heiterer Hoffnung für unſere Zukunft erfüllt. Ja, meine Freunde, wenn es möglich iſt, daß ſo ſchöne Bilder in Wahrheit übergehen,
und warum fragen wir noch? Sind es doch nicht mehr Bilder der Phantaſie, ſondern Blüten und Früchte unſerer großen Zeit ſelbſt, welche aus tiefer Wurzel ihre Nahrung ziehen,— ſo dürfen wir uns recht große, recht in den Lebenskern eindringende Rückwirkungen davon verſprechen. Und in Wahrheit, faft treibt mich die Liebe für dieſes Bild ſo weit, daß ich ſeine Ausführung für ganz nahe, daß ich ſie für unfehlbar gewiß ausgeben möchte.“
Er dachte ſich, daß etwa alle drei Jahre drei Uebungslager für ganz Deutſchland eingerichtet werden nach dem Grundſatze, daß die verſchiedenen Stämme möglichſt mit einander vermiſcht werden, und zwar in den Gegenden von Magdeburg, Prag und Nürnberg, um den drei größeren Staaten(Groß-) Deutſchlands ihr Recht an- gedeihen zu laſſen. Nach dreimal drei Feſten, alſo im zwölften Jahre, ſollten die drei Lager ſich vereinen und ſo ein Zentralfeſt gefeiert werden, ausgeſchmückt mit den herrlichſten Gaben, die der Reichtum deutſcher Natur nur zu gewähren vermöge.— Und welcher Ort, welche Gegend biete ſich dazu paſſender dar, welche habe mehr Anſprüche auf ſo hohe Auszeichnung, als die, wo die deutſche Freiheit in blutiger Völkerſchlacht wiedergewonnen worden ſei, die von Leipzig? Zum ewigen Andenken der großen Tage werde hier das größte zwolfjährige deutſche Bundesfeſt gefeiert, und was Deutſchland Würdiges, Schönes, Ehrenwertes darzubieten habe, er- ſcheine hier als Huldigung für das geliebte Vaterland.„Schon ſehe ich“, heißt es in dieſer Rede weiter,„aus allen Gegenden des deutſchen Vaterlandes die Scharen der eben erblühenden Jugend, des reifen Mannes- und des noch rüſtigen Greiſenalters zu den großen Sammelplätzen zuſammenſtrömen. Wenn ſie an die Grenzen des Reiches kommen, in deſſen Feldlager ſie ſich verſammeln ſollen, ſo vertauſchen ſie ihre Farbe mit der des Lagers als Zeichen der Achtung und brüderhichen Eintracht. Das Lager füllt ſich in wenigen Tagen mit vielen Tauſenden rüſtiger Männer, oder vielmehr, es entſteht durch ſie; denn wo noch geſtern nichts zu ſehen war, als die abgemeſſenen Räume jeden größeren Banners, da ſtehen heute ſchon, wie durch einen Zauberſchlag aus dem Boden hervorgerufen, die weißen Zelte und die grünen Laubhütten, und eine große Stadt mit den regelmäßigen, unabſehbaren Gaſſen breitet ſich aus. Tauſende geſchäftige Hände ſchmücken den Raum mit grünen Zweigen und Blumen, während andere bereiten, was zur Bequemlichkeit des Menſchen und zur Pflege der Tiere gehört. Doppelt anregend und bildend iſt dieſes heitere Zuſammenleben, indem dasſelbe Ziel vielleicht den Bewohner der Oſtſee mit dem der Alpen vereinigt. Die lIdeen des Bergbewohners vermiſchen ſich mit denen des Seefahrers, die ſinnliche Lebensfülle des Südländers erwärmt den Ernſt des Nordländers, das Ohr des Niederſachſen muß ſich an die alemanniſchen Téöne des Schwaben, das des Bayern an das Plattdeufſch des Weſtfalen gewöhnen. Der Proteſtant lernt die bilderreichen Religionsgebräuche des Katholiken achten, indem er an ihm dieſelbe Wirkung des Gehbetes erblickt, die er an ſich ohne jene Gebräuche fühlt; beide erkennen immer mehr, daß nur das Innere und Unſichtbare Wert gibt.“
In der fünften Rede ſetzt er die ldeen über die Nationalſpiele fort. Er wünſcht, daß bei den großen und zwölfjährigen Feſten eine Anzahl aus den erſten Künſtlern jedes Landes herbeigerufen werden, damit ſich das Schöne neben die Kunſt ſtelle und vor einem auszuſuchenden Gerichte die Sieger in jeder Gattung der Kunſt den unſterblichen Ruhm dahinnehmen. Auch die Schauſpielkunſt und die Muſik ſollten nicht fehlen, ebenſo die Plaſtik, die Malerei und die Baukunſt. Letztere werde große, erhabene Gebäude auszuführen haben, um die Darſtellungen der dramariſchen Kunſt und der Muſik mit ihren Bewunderern zu umftaſſen; ſolche Nationalgebäude ſeien durch den Beitrag aller deutſchen Stämme zu errichten und der Nachwelt zu erhalten. Und nicht nur der Schauſpielkunſt und der Nuſik ſeien Tempel zu errichten, ſondern noch mehr werde die Religion den Sinn des Künſtlers emporheben und für die vielen Tauſende, welche in Liebe und Glaube dort vereinigt ſeien, würdige Gottestempel emporſteigen laſſen, heilig und erhaben, wie die Dome des Mittelalters, und lebens- kräftig, wie die Tempel der Alten. Darin würden unſere Feſte bei ihrem Beginne qdurch feierlichen Gottesdienſt eingeweiht und bei ihrem Beſchluß geſegnet werden. Denn er rede nicht von gewöhnlichen, rauſchenden Luſtbar- keiten, die, mit gemeinem Sinn begonnen, auch nur ihn erzeugen könnten, ſondern von Feſten, die uns ein heiliges und teures Pfand ſichern ſollten. Die Plaſtik und Malerei müſſe aus ihrer teilweiſen Erniedrigung, in die ſie durch Nachbildung des Individuums, um das leben zu friſten, geraten ſei, zur Darſtellung großer geſchichtlicher und religiõöſer Gegenſtände erhoben werden. Er ſprach auch über die Beſtimmung des weiblichen Geſchlechts in dem neuen Zeitalter. Der Frau werde, wenn ſie das Intereſſe des Mannes an allem, was ſeine Seele fülle, teilen könne, eine bedeutende Stellung zu teil. Sie müſſe recht Vieles und Wichtiges gelernt haben, nicht um auf dem Gebiete des Wiſſens ſchaffend tätig zu ſein, ſondern um es zu kennen. Sie ſolle ihrer eigentlichen Beſtimmung gemäß die Pflege des zarten Keimes jeglicher Anlage in ihren Kindern im früheſten Alter in den Händen haben und ſpäter dem wiſſenſchaftlichen Unterricht der Söhne nicht hindernd und vernichtend in den Weg treten. Die Lehrer aber müßten es verſtehen, bei dem weiblichen Unterricht das Wiſſen unter den Brennpunkt des Gemütes zu bringen, denn das Cemüt ſei die Seele der Frau.
1) Wer den aus der Begeiſterung der damaligen Zeit geborenen Gedanken, der dem Kopfe des Düſſeldorfer Gymnalialprofeſſors ent- ſprungen iſt, in unſerer heutigen realen Zeit belächelt, der möge ſich erinnern, daß derſelbe Gedanke bis auf die neueſte Zeit viele ideal geſinnte NMänner bewepte. Es wird noch manchem erinnerlich ſein, daß erſt vor 10 Jahren eine Kommiſſion, zu welcher die Herren Abgeordneter von Schenkendofff(Oörlith),(ietzt Vorſitzender des Zentralausſchuſſes für Volks- u. Jugendſpiele) und Hofrat D. Rolfs(München) gehörten, unter anderen Plätzen, die für die Abhaltung von regelmäßig wiederkehrenden Nationalfeſtſpielen in Frage kamen, auch den unſerer Heimat Bingen gegenüberliegenden Niederwald zu dieſem Zwecke beſichtigten. Im darauffolgenden Jahre ſollten dem Geſamtvorſtand Vorſchläge ge- macht und ſofort mit dem Preisausſchreiben begonnen werden. Damals ſchrieb der„Binger Anzeiger“ vom 30 Oklober 1897: Auch die Feſft- wieſe der„Bleiche“, ſowie die„Jungſche Au“ würde zum Nationalfeſt herangezogen werden. Auf letzterer ſolle ein Kaiſerpavillon für das Weitrudern und Wettſchwimmen, auf dem„Sand“ an der Bleiche Tribünen errichtet werden. Die Rheinflotte, welche viele Tauſende von Gaſten aufnehmen und verpflegen kann, würde hierin dem Feſte ſehr zum Vorteil gereichen. Auch die Stadt Mainz trat bekanntlich als Bewerberin auf. Das„Mainzer Tagblatt“ ruft der Bürgerſchaft zu:„Nun iſt es Sache der Bürgerſchaft, zu beweiſen, daß ſie den eminent nationalen Gedanken mit echter Be- geiſterung aufnimmt und daß ſie die außerordentlichen ideellen und materiellen Vorteile zu ſchätzen weiß, die unſerer Stadt erwachſen, wenn die Nationalfeſte hier abgehalten werden. Wir hoffen deshalb, daß ſich aus der Mitte der Bürgerſchaft heraus eine Agitation für das Feſt entfaltet, und daß namentlich die Ausſchüſſe, die demnächſt gebildet werden, eine kräftige Unterftützung von der Bevölkerung erfahren. Der nationale Punken muß zünden in allen Schichten der Einwohnerſchaft. Wenn bei uns überall ein warmes, herzentflammendes Intereſſe für die edle, ſchöne Sache zu Tage tritt, wvenn Jung und Alt nach beſten Kräften für die Verbreitung und Verwirklichung der ldeen eintreten, dann wird der Geiſt, den die hieſige Be- völkerung beſeelt, auch nach außen hin mächtig imponieren und den Männern, die über die Ortsfrage zu entſcheiden naben, die Wahl weſentlich erleichtern.“ Friedrich Kohlrauſch war der Vater des Gedankens. Die Zeiten ſcheinen jedoch nicht dazu angetan, ihn zu verwirklichen.


