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1814 ergriffen. Die Gedanken der Betfreiung des Vaterlandes von dem franzoſiſchen Joch hatten ja doch das ganze Volk erhoben. Er richtete ſeinen Blick auf die künftige Geſtaltung Deutſch- lands, wie er ſie ſich dachte, und ſo entſtanden„Die ſechs Reden!¹) über Deutſchlands Zukunft“, die er unter lebhafter Teilnahme ſeiner zahlreichen Zuhôrer in edler Begeiſterung gehalten hat. Er bekannte ſich, wie er ausdrücklich verſicherte, ſeiner Natur und ſeinen Grund- ſätzen nach zu den entſchieden konſervativ Geſinnten und ſchreckte vor jeder Gewalt und ſeder Rechtsverletzung zurück. Wenn er auch als Mann in den reiferen Jahren erkannte, daß vieles von dem, was er als Ziel des Strebens für eine würdige Geſtaltung des Vaterlandes aufſtellte, zu wenig feſten Boden in der Wirklichkeit finden konnte, weil er die Idee mit der Wirklichkeit, das denkbare mit dem Erreichbaren verwechſelte, ſo hielt er doch manches, wenn auch nicht in der Form und Ausdehnung, wie er es aufgefaßt, für erreichbar, falls nur der gute Wille, die allgemeine Opferwilligkeit für das Wohl des Ganzen fortdauerte und wirkte. Der Wert der 6 Reden, bei denen ihm Fichtes großes Vorbild„Reden an die deutſche Nation“ vor- ſchwebte, iſt nicht nach der Ausführbarkeit der Vorſchläge, wie das Vaterland in Zukunft ſich würdig geſtalten ſollte, zu meſſen; ihr hoher Wert liegt darin, daß ſie ein beredtes Zeugnis ſind von der reinſten Geſinnung und Vaterlandsliebe, wie ſie damals in den Herzen der Beſten lebte.(Nekrolog von C. Schmalfaß S. 8) Seine Grundgedanken drückten die Wünſche und Hoffnungen von Tauſenden der ehrenhafteſten Männer aus. Wir ahnen nichts mehr von dem Elend und den Schrecken jener Zeiten, für welche jene begeiſterten Manner wie E. M. Arndt, Stein, Scharnhorſt, Fichte, lebten und ſtritten. Wie eine matte geſchichtliche Erinnerung klingt uns dies alles, die wir das neue deutſche Reich haben glänzend erſtehen ſehen. Wie ein E. M. Arndt in den Zeiten ſchmachvoller Fremdherrſchaft in ſeinem„Geiſt der Zeit“ ſcharfe und treffende Worte gegen den korſiſchen Eroberer fand, die das deutſche Volk zu flammender Begeiſterung hinriſſen und ihm Mut und Kraft ſpendeten, ſeine Feſſeln zu ſprengen, ſo war es nach der Niederwerfung des dämoniſchen Eroberers und dem Wiedererwachen des Gefühls der Gemeinſamkeit für den jungen Fr. Kohlrauſch ein Bedürfnis, die Gedanken, die jeden Vater- landsfreund begeiſterten, mit hinreißender Beredſamkeit zum Ausdruck zu bringen.„Nicht ich war es, der redete, ſondern die Begeiſterung der Zeit redete aus mir.“ Es wird nicht ohne Intereſſe ſein, einige ſeiner Gedanken und Wünſche hier mitzuteilen.
In ſeiner erſten Rede empfiehlt er zur Hebung des Nationalgeiſtes beſonders die Pflege der gemeinſamen Sprache, und die unfrige verdiene es vor allem durch ihren Reichtum und ihre lebendige Bildfam- keit; ſie ſei ein Bild des Grundcharakters unſerer Nation und daher ein Gut, auf das wir ſtolz ſein koͤnnten. Als zweites Mittel empfahl er die Pflege der gemeinſamen Sitte und Sittlichkeit. Der Deuiſche ſolle ſich ſo kenntlich machen, daß ihn der Bruder auch in der weiteſten Ferne erkenne und jedem Fremden vorziehe; aber wir Deutſchen verläugneten uns ſo, daß es als Ruhm gelte, in jedem fremden Lande für einen Einheimiſchen ge- nommen zu werden.— Durch die bindende Kraft des Chriſtentums ſei eine Einheit der Volker im Großen möglich.„Ehren wir daher dieſes geiſtige Band, welches die ganze Chriſtenheit verknüpft als das größte Geſchenk der Weltregierung. Aber dennoch dürfen wir Deutſchen auch in der Benandlung der Religion, oder beſſer, in der Geſtalt, wie wir uns von ihr ergreifen und durchdringen laſſen, unſere Eigentüumlichkeit bewahren; und wir werden darin einander ähnlich ſein, wenn wir gleich in mehrere Konfeſſionen getrennt ſind. Der Deutſche iſt auf andere Weiſe Proteſtant wie der Engländer, wenn auch in beiden der religiöſe Geiſt derfelbe iſt. Und wie ganz anders ſchon ſeit den älteſten Zeiten das katholiſche Deutſchland ſeinen Glauben hegt und äußerlich darlegt, als die ltaliener, die Spanier, die Franzoſen, das bedarf keines Beweiſes. Wir dürfen behaupten, daß der deutſche Geiſt auch hierin allenthalben ſeine Verwandtſchaft bewährt hat, daß der Katholizismus autf eine ähnliche Weiſe, mit gleicher Geſinnung, unter uns ausgebildet iſt, wie der Proteſtantismus.— Wir ſind wieder eins im Lichte und Aether der einen Freiheit; ſollten wir je durch das wieder getrennt werden, was lediglich ein Inneres bleiben ſoll? Der Glaube ſei das Palladium unſerer inneren Freiheit, welches nicht äußerlich zur Schau getragen werden darf. Indem wir aber den Glauben an ſich, den alle Form lebendig machenden, auf unſere treue, ehren- feſte, deutſche Weiſe, ein jeder nach dem Brauche ſeiner Väter, pflegen und erhalten, wird es dieje treue, ehren- feste Art jelber ſein, welche uns auch im Glauben einig und eins macht.— Die Hauptſache für unſeren gegen- wärtigen Standpunkt iſt die Einſicht, daß eine Wiedergeburt unſeres Vaterlandes zu herrlicher Tugend und Binheit nicht nur möglich, ſondern auch gerade jetzt der wichtige Augenblick ſei, wo ſie geſchehen müſſe. Wir müſſen wieder lebendig fühlen, daß wir in Wahrheit an dem Eingange einer neuen Zeit, einer lebensreichen Zukunft ſtehen, daß in unſerer ganzen Geſchichte kein Augenblick von Bedeutung dem jetzigen gleich, und daß es aljo an der Zeit ſei, mit nöchſter Sammlung und Beſonnenheit, mutig, gefaßt, Hand ans große Werk zu legen.“
Beachtenswert ſind ſeine Vorſchläge in der dritten Rede hinſichtlich der körperlichen Erziehung der Jugend, die bisher auf das Gedankenloſeſte vernachläſſigt worden ſei. Er verlangt ſorgfältige körperliche Pflege der Kinder von der Geburt an, Errichtung öffentlicher Badeanſtalten, Spielſchulen im Sommer auf freien Plätzen, im Winter in großen Sälen. Nach dem Muſter der Jahnſchen Schule in Berlin ſeien in allen, auch den kleinften Städten, gymnaſtiſche Schulen einzurichten, die unter die Leitung verſtändiger Männer zu
ſtellen ſeien. Für alle deuiſchen Stämme forderte er, nach dem Muſter Preußens, die allgemeine Wehrpflicht. 5
¹) Deutſchlands Zukunft. In ſechs Reden, von Dr. Fr. Kohlrauſch, Profefſor der alten Litteratur und der Geſchichte am(iymnaſium zu Düſſeldorf. Elberfeld 1814 bei Heinrich Büſchler. 200 Seiten.)


