Aufsatz 
Aus den Lebenserinnerungen des Königlich Hannoverschen Generalschuldirektors Friedrich Kohlrausch (1780-1867). Ein Beitrag zur Geschichte des rheinhessischen Schulwesens
Entstehung
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Hand, die er betrachtete, vielleicht über das große Geſetz der Metamorphoſe ſinnend, welches er ſo tiefſinnig entwickelt hat. Nach einigen Gängen im Garten ſetzte ſich Goethe mit uns auf eine Bank und ließ ſich auf Geſpräche über litterariſche Erſcheinungen ein. Die Rede kam auf Kotzebue, und wir glaubten, in Goethes Sinne zu reden, wenn wir Kotzebues Leichtfertigkeit und Seichtigkeit mit mõglichſt ſcharfen Worten tadelten.„Nun, nun, Ihr jungen Leute, nur nicht gleich das Kind mit dem Bade ausgeſchüttet!“ unterbrach er unſere beredten Auslaſſungen. „Wenn dieſer Kotzebue den gehôrigen Fleiß in der Ausbildung ſeines Talents und bei der Anfertigung ſeiner dramatiſchen Sachen angewendet hätte, ſo könnte er unſer beſter Luſtſpiel- Dichter werden. Und auch das Sentimentale hat er in ſeiner Gewalt. Die Zwiebel, mit welcher man den Leuten das Waſſer in die Augen lockt, weiß er zu gebrauchen, wie wenige.“ 80 war unſere Begegnung mit Goethe, und dieſe ließ, wie ich kaum zu erwähnen brauche, einen ſehr wohltuenden Eindruck bei uns zurück, umſo mehr, als man von Goethes Kälte und vor- nehmem Weſen ſo viel geredet hatte. Gegen uns hatte er ſich freundlich und natürlich, nicht herablaſſend, ſondern menſchlich wohlwollend gezeigt und mehr getan, als wir irgend erwarten konnten. Ich ſehe ihn noch in ſeiner würdigen, die Harmonie des ganzen Weſens ausdrückenden Geſtalt und Haltung, mit dem antiken, ſchön geformten Kopfe, der hohen Stirn, den ſprechenden und doch wohlwollenden dunkeln Augen, dem zur anmutigen Rede geſchaffenen Munde, den plaſtiſchen, noch kräftigen Falten der Backen. Er ſtand in ſeinem 60. Jahre, alſo noch in der Kraft ſeiner geſunden Natur. Man konnte die Worte Napoleons beim Anblicke Goethes voll- kommen begreifen:„voilà un homme!“

Auf Empfehlung Hugos lernte K. auch den in Weimar lebenden, bereits 76 jährigen Wieland bei einer Geſellſchaft im Park zu Tiefurt kennen. Auch dieſe Schilderung entbehrt nicht des Intereſſes:„Der ſchon vom Alter gebückte aber noch geiſtig lebhafte Greis empfing uns ſehr freundlich, ließ ſich gern in ein längeres Geſpräch ein und ermutigte mich dadurch, anknüpfend an Erzählungen der ôffentlichen Blätter, auch ihn wegen der Zuſammenkunft mit Napoleon zu befragen, namentlich darnach, ob Napoleon ihn zum Sitzen genòôtigt habe.„Ach nein,“ war Wielands Antwort,„ich mußte ſtehen und wurde am Ende ſo müde, daß meine Kniee mich nicht mehr tragen konnten, und ich um Entlaſſung bitten mußte. Uebrigens war Napoleon ſehr gnädig, ſprach über rômiſche Geſchichte und Litteratur und behandelte mich auf eine Weiſe, die ganz darauf berechnet war, mich alten gutmütigen Schwaben zu gewinnen. lch kann nicht anders ſagen, als daß er mich mit dem Ausdrucke der Achtung gegen das Alter, faſt wie einen Vater, behandelte. Er iſt unläugbar ein großer Mann, dem man die Beſtimmung anſieht, die Welt zu regieren“. Die weitere Unterhaltung mit Wieland war heiter und oft ſcherzhaft. Er ſebſt lenkte das Geſpräch auf Seelenwanderung, eines ſeiner Lieblingsthemas, und er geſtand ſeinen Glauben daran faſt mit dem Ausdruck des Ernſtes. Er wünſche und hoffe, äußerte er unter anderm, demnächſt in einen Schwan verwandelt zu werden.“

Im Jahre 1810, nachdem der Graf Wolf Baudiſſin, der ihm anvertraut war, ſeine Univerſitätsſtudien beendigt hatte, entſchloß ſich K., auf Anregung von befreundeter Seite, in Barmen eine Unterrichts- und Erziehungsanſtalt zu gründen, da dort für die Söhne und Töchter der zahlreichen gebildeten Kaufmannsfamilien gar keine Unterrichtsanſtalten waren. Die günſtige Aufnahme, die ſeine„Bibliſchen Geſchichten“ erfahren hatten, ermunterte ihn zu einer neuen Schulſchrift, dem„Chronologiſchen Abriß der Weltgeſchichte“, deſſen 15. Auflage er im Jahre 1861 noch beſorgte. Während ſeiner vieriährigen Wirkſamkeit in Barmen(1810—1814) hatte er einmal die Kanzel beſtiegen. Es war die dritte und letzte Predigt in ſeinem Leben; ſie überzeugte ihn, daß die Kanzel nicht ſein wahrer Beruf ſei. Auch das Erziehungsinſtitut in Barmen, defſen Hauptbeſtandteile Mädchen bildeten, konnte ihn auf die Dauer nicht befriedigen, und gern folgte er einem Rufe des damaligen Direktors und ſpäteren Geh. Oberregierungsrats im Unterrichtsminiſterium in Berlin, K. W. Kortum, eine Stelle als Profeſſor am neu auf- zurichtenden herzoglich bergiſchen, ſpäter preußiſchen Gymnaſium in Düſſeldorf anzunehmen. Die Neugeſtaltung des Gymnaſiums war in eine glückliche Zeit gefallen, in die Zeit der Be- geiſterung, die durch die Ereigniſſe des Jahres 1813 entzündet war.

Die rührenden Beweiſe von Anhänglichkeit ſeiner Schüler und Schülerinnen und der Bevölkerung von Barmen überzeugten ihn jedoch, daß er hier kräftig Wurzeln geſchlagen habe. Und ſo kam ihm der Gedanke, ſeinem Danke für die Beweiſe der Liebe und Achtung dadurch Ausdruck zu verleihen, daß er vor ſeinem Abſchied aus Barmen(im Anfang des Jahres 1814) eine Reihe von Vorleſungen hielt, die dem großen Momente der Zeit angemeſſen waren. Mächtig hatten den jungen, damals 34jährigen, begeiſterungsfähigen Mann die Jahre 1813 und