Aufsatz 
Aus den Lebenserinnerungen des Königlich Hannoverschen Generalschuldirektors Friedrich Kohlrausch (1780-1867). Ein Beitrag zur Geschichte des rheinhessischen Schulwesens
Entstehung
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Schlegel, deſſen feiner Takt und reifes Urteil ſeine Vorleſungen höchſt anziehend machten. Die Vortrâge auch anderer Gelehrten, die Anſchauungen und Kunſtgenüſſe, die die große Stadt bot, der lebendige Verkehr mit gleichgeſinnten Freunden, die Berührung mit einer Menge der bedeutendſten Männer, alles das trug dazu bei, eine edle Bildung zu fördern. Großartige Ein- drücke aber bot ihm beſonders das Theater, auf welchem gerade in den Wintern, die er in Berlin verlebte, mehrere der eben gedichteten Dramen von Schiller und Goethe, ehe ſie durch den Druck bekannt wurden, zur Aufführung kamen.

8 Auch mit dem Grafen Metternich, der ſpäter in die Geſchichte Europas ſo tief ein- gegriffen, einem Manne in den dreißiger Jahren, mit feinen anſprechenden Geſichtszügen und gewandtem Weſen, der damals öſterreichiſcher Geſandter in Berlin war, trat er in perſönliche Beziehung. Eine ſeltene Gaſtfreundſchaft genoß er in dem Hauſe des berühmten Arztes, Geheimen Staatsrats und Profeſſors Hufeland. Dieſes Haus bildete bekanntlich einen Mittelpunkt für Künſtler und Kunſtfreunde und wurde faft allabendlich von Fremden von Bedeutung aufgeſucht. So lernte er in dem Hauſe Hufelands außer Fichte, Zelter, Schlegel, Schadow, Frau Hertz, auch den berühmten Hiſtoriker und Verfaſſer der Schweizergeſchichte Johannes von Müller“) kennen, ferner die aus Schillers Leben bekannte Frau von Kalb und im Winter 1804/5 Friedrich v. Schiller ſelbſt.„Er war lebhaft, mitteilend, freundlich und gab auch uns Jüngeren den Mut, an der Unterhaltung beſcheidentlich teilzunehmen. Leider war ſein Ausſehen ſchon krankhaft(er ſtarb ja ſchon im Mai 1805); ſeine geiſtige Kraft und die Originalität ſeiner Gedanken verleugneten ſich aber dennoch nicht im mindeſten.“ Von(ntereſſe iſt auch ſeine Schilderung von zwei bedeutenden Frauen, die er während ſeines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt hatte, der Königin Louiſe und der Frau von Statl:„lch war auch mit dem Erzieher der Königlichen Prinzen, dem Geheimen Rat Delbrück, bekannt geworden und dies war Veranlaſſung, daß ich auch meine Zôglinge(Wolf und Otto) zur Geſellſchaft für die- ſelben mitbringen durfte. Der Kronprinz, ²) derzeit 8 bis 9 Jahre alt, zeichnete ſich durch Lebhaftigkeit, Heiterkeit und witzige Einfälle ſchon damals aus und war überhaupt ſehr liebens- würdig. Der Prinz Wilhelm,*) an Alter der jüngſte der Geſellſchaft, trat willig hinter dem lebhafteren Bruder zurück. Mit der kõniglichen Familie trafen wir auch wohl auf Kinderbällen in den vornehmſten Häuſern, wohin ich meine Zöglinge begleitete, zuſammen, und bei dieſen Gelegenheiten habe ich die edle Königin Louiſe zu ſehen die Freude gehabt, wie ſie, mit wahrhaft königlichem Anſtande und doch mit dem reinen Ausdruck weiblicher Anmut, ſich über die muntere Kinderſchar ergötzte, oder mit der Dame des Hauſes ein freundliches Wort wechſelte. In einem wahrhaft grellen Kontraſte erſchien daneben einſtmals, ich glaube es war auf einem Kinderballe bei dem Miniſter von Schrötter, die berühmte Frau von Staàdl, eine in ihrer Art imponierende Erſcheinung, welcher Geiſt und Energie nicht abzuſprechen war; aber die weibliche Anmut fehlte den faſt männlichen Ausdrücken ihrer Züge und der Derbheit ihrer Geſtalt. Und in ihrer Tochter, welche ſpäter auch in der Welt Aufſehen erregt hat, erſchien die kecke zehnjährige Franzôſin in ausgeprägter Weiſe, welche es als eine Gunſt darzuftellen wußte, wenn ſie dem Kronprinzen von Preußen einen Tanz zuſagte.“.

Bei ſeinem anhaltenden lebhaften Verkehr mit den bedeutendſten Perſönlichkeiten ließ K. die leiſe Selbſtanklage miteinfließen, daß er vielleicht in Berlin mehr für ſeine eigene Bildung als die ſeiner Zöglinge gelebt habe:„Zwar muß ich offen bekennen, daß meine Vorbereitung für den Unterricht(Graf Wolf war damals 17 Jahre alt) nicht immer ſo gründlich und vollſtändig war, als ſie hätte ſein ſollen, weil ich mich auf mein Gedächtnis und meine Lehrgabe verließ und ſah, daß meine Zôglinge doch etwas lernten. Auch durfte ich es wagen, wenn ein Anſtoß in einem Autor kam, den ich nicht gleich zu heben wußte, oder eine Frage meiner Schüler, die ich nicht beantworten konnte. ſie ſelbſt mit ſuchen zu laſſen, ohne daß meine Autorität darunter litt. Ja, dieſe Art des gemeinſchaftlichen Suchens und Lernens hatte etwas Förderliches für ſie und machte ihnen Vergnügen. Sie iſt beim Privatunterricht nicht zu verwerfen, wenn der Lehrer übrigens ſeine Ueberlegenheit zu behaupten weiß und Gewiſſenhaftigkeit und Takt genug beſitzt, um die Weiſe des gemeinſchaftlichen Lernens nur da anzuwenden, wo ſie angebracht iſt und nicht. zu viel Zeit koſtet. In der öôffentlichen Schule, vor vollen Klaſſen, verlaſſe ſich der Lehrer nicht auf Takt und Ueberlegenheit, ſondern gehe nie unvorbereitet in ſeine Lektionen“.

²) Schiller hat ihm in ſeinem Tell V, 1 ein Denkmal geſetzt. Bekanntlich war J. v. Müller auch mehrere Jahre(1786— 1792) als Hofrat und Bibliothekar, ſpäter als Geheimer Kabinettsſekretär im Dienſte des Mainzer Kurfürſten Karl Joſephvon Erthal angeſtellt. 2Iin

2) Später König Friedrich Wilhelm IV.

) Später Kaiſer Wilhelm I.