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von Loccum, Prälaten der hannoverſchen Landeskirche, der in Hannover ſeinen Sitz hatte. Nach zweijährigem Aufenthalt in Prima— eine Reifeprüfung kannte man nicht— verließ er Oſtern 17990 die Schule. Er hielt die lateiniſche Abſchiedsrede über ein ſelbſtgewähltes Thema, mit deren Stil, wie er meinte, der Direktor wohl zufrieden war. Eigentümlich war der Aufzug, in welchem die Abiturienten bei der feierlichen Entlaſſung vor dem verſammelten Magiſtrat, der Geiſtlichkeit und einem zahlreichen Hõörerkreis erſcheinen mußten: Schwarze Kleidung, ſchwarze ſeidene Strümpfe, gepudertes Haar und einen Haarbeutel im Nacken, einen Pariſer Degen an der Seite und einen chapeau bas unter dem Arme.
Auf der Univerſität Göttingen ſtudierte er Theologie, hörte aber auch Vorleſungen über Philoſophie, Geſchichte, Litteratur, Mathematik, Phyſik und Naturgeſchichte, bekennt aber ſelbſt, daß er zu einer tiefer greifenden geiſtigen Anregung und zu ſelbſtändigen Studien in einer beſtimmten Richtung nicht getrieben worden ſei. An dem Verbindungswesen hatte er ſich nicht beteiligt.„Wir lebten in ungezwungener Geſelligkeit, verkehrten mit denen, die uns zuſagten, und hatten keine Luſt, unſere Zeit und Freiheit einer Verbindung zu opfern, die uns nötigte, die Abende in Kneipen hinzubringen und mit Menſchen freundlich zu tun, welche wir nicht achten konnten, bloß weil ſie Korpsbrüder waren.“
Oſtern 1802 war die Univerſitätszeit zu Ende und der angehende Theologe mußte, um in die Reihe der Predigtamtskandidaten aufgenommen zu werden, ein examen praevium bei einem Konſiſtorialrat beſtehen. Dieſe Prüfung ſollte ein vorläufiges Urteil darüber abgeben, ob der abgehende Studioſus ſeine Zeit auf der Univerſität gut angewandt habe. Es wurde daher in die theologiſchen Disciplinen nicht tief und umfaſſend eingegangen, ſondern mehr eine Ueberſicht abgefragt. Dieſes theologiſche Kolloquium war die einzige Prüfung, die K. ſein ganzes Leben hindurch beſtanden hatte. Trotzdem war er, wie er mit Stolz erzählt, im Kreiſe des höheren Schulweſens bis zur höchſten Stufe geſtiegen.„Man forderte keine Prüfung von mir. Man traute mir auch ohne Prüfung die Fähigkeit für das mir zu übertragende Amt zu“. Bei einem Manne, der bald 50 Jahre in öffentlichen Aemtern geſtanden, einer großen Anzahl von Prüfungen beigewohnt und bei ihnen ſelbſt tätig geweſen iſt, der manche Prüfungsordnung hat verfaſſen helfen, iſt das gewiß ein ſeltener Fall. Zur Erklärung dient, daß ſeine erſte öffentliche Anſtellung als Lehrer am Gymnaſium in Düſſeldorf in die letzte Zeit der franzôſiſchen Herrſchaft am Rhein fiel, wo man froh war, nur überhaupt Lehrer für die höhere Schule zu finden, die einige Vorbereitung und Uebung gewonnen hatten. Eine Seltenheit war es auch, daß er für ſeine verſchiedenen Aemter nie in Eid und Pflicht genommen wurde und überhaupt bis zu ſeiner Einführung bei dem Oberſchulkollegium in Hannover keinen Eid geſchworen hat.
Nach ſeiner Studienzeit in Göttingen kam K. auf Empfehlung des Abtes Salfeld im Alter von 22 Jahren als Erzieher in die Familie des däniſchen Generals Grafen Baudissin auf Rantzau in Holſtein, der damals däniſcher Geſandter in Berlin war. Hier war eêes, wo ſeine Seele die meiſten Eindrücke, ſein ganzes Leben eine höhere Weihe und tieferen Gehalt empfing. Von den Söhnen des Grafen, die ſeiner Erziehung anvertraut waren und ihm große Freude bereiteten, wurde Graf Wolf’i) ſpäter bekannt als fruchtbarer deutſcher Schriftſteller, der als Freund Tiecks an der Schlegel-Tiekschen Shakespeare-Ueberſetzung teilnahm, während der zweite Sohn, Otto, als tapferer General in den Kämpfen in Schleswig von 1849— 1852 ſich auszeichnete. Der Aufenthalt in der Familie des Grafen Baudiſſin war für K. auch inſofern von Bedeutung, als er hier ſeine ſpätere Gemahlin kennen lernte, die als Erzieherin der jün- geren Kinder in dem gräflichen Hauſe weilte.
Da auch die Familie des Grafen den Winteraufenthalt von Rantzau nach Berlin verlegte, ſo hatte K. Gelegenheit, mit mehreren der bedeutendſten Männer in Verkehr zu treten. Gleich im erſten Winter ſeines Aufenthaltes in Berlin(1803) fing Fichte ſeine öffentlichen Vorleſungen an(Berlin hatte noch keine Univerſität), die auf ihn einen nachhaltigen Eindruck machten. Bei den Repetitorien, die Fichte am Sonntag Nachmittag einrichtete, und zu denen ſich die eifrigſten unter ſeinen Zuhörern einfanden, fehlte Kohlrauſch nie. Seine warme Teilnahme an der Sache und ſein Fleiß brachten ihn dem Manne näher, ſodaß er ihn einlud, ihn auch außer dieſen Stunden zu beſuchen. Das Eindringen in das philoſophiſche Studium brachte ihm immer mehr den Wert desſelben zum Bewußtſein.
Auch hörte er einige Vorleſungen über die ſchöne Litteratur bei Auguſt wilhelm
) In dem als Manuſkript gedruckten Gedenkbuche„Wolf Graf Baudijſin⸗(leipaig 1880) befindet ſi auch ein Lebensbild des Grafen Wolf von ſeinem Freunde Guſtav Freytag..4


