Die Einheit- des lyrischen Gedichtes.
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die Gedanken geformt, wenn sie nur angedeutet sind, vollständig auszudenken, um erstens das richtige Verständnis zu erzielen und zweitens den Wert und Unwert, die Richtigkeit oder Un- richtigkeit des Bildes zu begreifen, sodann muß man ihn gewöhnen, den durch das Bild aus-— gedrückten allgemeinen Gedanken zu suchen, der häufig auch durch Exemplifikation in einem aus dem täglichen Leben, der Mythologie oder Geschichte genommenen Beispiele seinen Ausdruck findet und auch hier durch das Nachdenken der Schüler herausgeschält werden muß. Hat der Schüler dafür Verständnis gewonnen, so ist es dringend notwendig, ihn darüber aufzuklären, worin die sogenannte Einheit besteht, die wir von dem lyrischen Kunstwerke fordern. Ich verweise auf Rosenbergs Lyrik des Horaz(ein Buch, das ich den Horazinterpreten nicht warm genug empfehlen kann) S. 41, 42, 43 ff. und auf die vita Nägelsbachii von A. Weidner p. 51, 58, 59, 60. Man vergesse nie die Schüler darauf hinzuweisen, daß derselbe Anlaß die mannig- faltigsten, die verschiedenartigsten Empfindungen in buntem Wechsel in der Scele des Dichters hervorrufen kann, die derselbe dann nacheinander in seinem Gedichte zum Ausdruck bringt, so daß also der gegebene freudige oder traurige Anlaß gewissermaßen das gemeinsame, die einzelnen Teile des Gedichtes zusammenhaltende Band pildet, und darin demnach die lyrische Einheit» zu suchen ist. Weidner zeigt an der citierten Stelle sehr schön, wie in I, 37 die Nachricht von Kleopatras Tode zuerst Freude, dann Zorn und Erbitterung, dann Hohn, zuletzt Bewunderung in der Seele des dichtenden Horaz erweckt. Ebenso charakteristisch ist nach meiner Meinung in dieser Bezichung II, 1, wo die Nachricht von dem kühnen Vorhaben des Asinius Polio, die Geschichte der letzten Bürgerkriege zu schreiben, dem Horaz zuerst die größte Besorgnis für den kühnen Freund selbst und auch für den Staat einflößt, da die geschichtliche Darstellung jener Zeit die schlummernden politischen Leidenschaften wieder erwecken, den unter der Asche noch glühenden Funken zu hellen Flammen wieder anfachen, also dem Autor selbst und seinen Mitbürgern Verderben bringen kann. Nach der Besorgnis wird das Gefühl der Bewunderung in dem Dichter wachgerufen, wenn er daran denkt, in welch geschickter, plastisch anschaulicher Weise der große Historiker seine Aufgabe löſen werde. Und da er an diese Aufgabe denkt, weicht in der Seele des Dichters das Gefühl der Bewunderung dem der Trauer und des Schmerzes über diese unseligen Kämpfe, die soviel Römerblut haben fließen machen, daß die Meere und Flüsse davon purpurrot gefärbt sind.
Ich habe oben gesagt, auch in politischer Beziehung müßten die Horazischen Gedichte fruchtbar gemacht werden. Natürlich meine ich nicht, man solle den Schüler einen Kursus in der höheren Politik durchmachen lassen, nein, ich meine, man solle ihn beim Lesen und Erklären der großen politischen Oden, sowié derjenigen, die die socialen Schäden schildern, mit ernstem Nachdruck darauf hinweisen(wozu auch schon die Lektüre der Prosaiker Cicero und Tacitus Anregung genug bietet), daß die Verhältnisse des römischen Staates mit Notwendig- keit zur Monarchie hindrängten, der einzigen Verfassung, die den am Rande des Abgrunds schwebenden Staat vor dem jähen Sturze bewahren konnte, daß nun die Gründe, welche die Einführung der monarchischen Regierung damals gebieterisch forderten, in etwas veränderter Form, aber in größerer Anzahl und verstärktem Maße in der modernen Zeit, in unserm Volke vorhanden sind, also das einzige Heil unseres Staates nur in einer starken Monarchie ge- funden werden kann. Ferner vergesse man nicht an dem Beispiele des Patrioten Horaz zu zeigen, daß unser Denken und Handeln vor allem dem lieben Vaterlande gcehört.
Zum Schlusse will ich noch mit wenigen Worten erwähnen, wie ich mir denke, daß auch in religiöser Beziehung die Oden unseres Horaz nutzbringend für die Jugend gemacht werden können. Zunächst lasse man den Schüler erkennen, daß und wie in der dichterischen


