Aufsatz 
Über den Lehrplan des Realgymnasiums
Entstehung
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einen Character erhalten, als seien sie nur dazu bestimmt, um zu erfahren, ob der Schüler seine Aufgaben für die häusliche Thätigkeit erledigt hat, und wieder neue Aufgaben zu ertheilen, deren dann so viele entstehen können, dass eine Ueberbürdung der Schüler mit häuslichen Arbeiten und eine Benachtheiligung derselben in geistiger und körperlicher Beziehung die unausbleibliche Folge sein muss. Denn einen Schüler, der sechs bis sieben Stunden in der Schule gesessen hat, noch zu einer mehrstündigen angestrengten Arbeit zu nöthigen, heisst geradezu auf den Ruin von Körper und Geist hinarbeiten.— Dieser Gefahr sind die Realschulen weniger ausgesetzt als andere Unterrichtsanstalten, weil der Lehrstoff der Schulstunden bei einem sehr grossen Theil der Unterrichtsgegenstände, wenn der Unterricht anders richtig ertheilt wird, in der Stunde selbst angeeignet und verarbeitet werden muss, und zu häuslichen Arbeiten selbst nur wenig Veranlassung giebt, so namentlich in der Mathematik, und noch mehr bei denjenigen Disciplinen, welche zum Aufbau ihres Lehrgebäudes gewisser Hülfsmittel, wie das constructive Zeichnen, oder Objecte un d Experimente bedürfen, wie die beschreibenden Naturwissenschaften, die Physik, die Mechanik und die Chemie.

Daneben haben die Realschulen doch die vorzüglichste Gelegenheit, die Erziehung ihrer Primaner zur Selbstständigkeit im Studium zu bewirken, nur dass nicht alle hierzu dienenden Arbeiten, wie es z. B. bei den Gelehrtengymnasien der Fall ist, gerade der häuslichen Thätigkeit überlassen bleiben. Besonders fruchtbar sind in dieser Beziehung die praktischen physikalischen und chemischen Arbeiten, sowie die Uebungen im construc- tiven Zeichnen. Diese sind aus dem einzelnen Studirzimmer der erforderlichen Hülfsmittel wegen in das Schullocal verlegte selbstständige Studien und werden von keinem anderen Mittel in der Brauchbarkeit für Ausbildung zur Selbstständigkeit im Studium erreicht. Während der Schüler des Gelehrtengymnasiums zu Hause ein griechisches Exercitium oder einen lateinischenen Aufsatz ausarbeitet, führt der Bruder, der das Realgymnasium besucht, chemische Analysen aus, oder repetirt die Lehren der Physik an der Hand von selbstständig ausgeführten Experimenten, oder erledigt eine Aufgabe aus der descriptiven Geometrie etc. etc. Dass letztere Arbeiten in der Schule und in besonders dazu angesetzten Stunden ge- schehen, kann diesen specifischen Charakter der Uebungen nicht alteriren. Glaube man auch nicht, dass die Gegenwart des Lehrers der Selbstständigkeit der Arbeit des Schülers Eintrag thut. Bei analytischen chemischen Versuchen z. B. gelangt der Schüler sehr bald dahin, dass der Lehrer in den meisten Fällen während der einzelnen Analyse gar nicht einzugreifen braucht. Und dass der Lehrer nach Beendigung derselben sich referiren und die Resultate der entscheidenden Versuche, namentlich derjenigen, bei denen die exacte Ausführung dem Anfänger mitunter Schwierigkeiten bereitet, vorzeigen lässt, und sich davon überzeugt, dass der Schüler die einschlagenden Processe und Gesetze gehörig durch- dacht habe, kann die Selbstständigkeit der Arbeit so wenig beeinträchtigen, wie in dem Falle, wo ein Lehrer sich von einem Schüler über einen privatim gelesenen Abschnitt eines altclassischen Autors Bericht erstatten lässt und über das richtige Verständniss desselben in sachlicher und sprachlicher Beziehung ein Examen austellt. Und ebenso ist es, mutatis

mutandis, mit den Uebungen in der Physik und im constructiven Zeichnen. Auch kommt 2 3